Reisetagebuch

 

Da das "Aktuellste" immer ganz oben schnell auffindbar sein sollte, findet Ihr natürlich auch das Ende der Reise ganz oben, den Anfang demzufolge logischerweise ganz unten...

 

 

Dienstag, 11. November 2008

 

Der Optimismus und die Vorfreude sind mit dabei, als ich am Samstag, den 08. November in Sahaura losfahre. Unterstützung bekomme ich durch die Sinneseindrücke, die mir die wunderschöne Flusslandschaft bietet, an der ich fast den ganzen Tag entlangradle.

 

Zur Mittagszeit erreiche ich Mugling, an der Verbindungsstrasse zwischen Kathmandu und Pokhara. Mein Mittagessen ist mal wieder richtig köstlich: 2 Teller mit frittierten kleinen Flußfischen (ca. 20 Stueck). Die ißt man samt Kopf mit zwei Bissen. Dazu ein kleines Schälchen Kichererbsen, angemacht mit Zwiebeln, Chilli und leckerem Basilikum (eine dem Thai-Basilikum sehr ähnliche Variante).

 

Danach radel ich noch gut zwanzig Kilometer weiter, wobei die Schmerzen in meinem linken Knie nun nicht mehr mit anderen positiven Gedanken überdeckt werden können. Weiterfahren wird zunehmend zur Qual. Aber ich finde keinen Zeltplatz.

 

Erst kurz vor Sonnenuntergang errichte ich mein Quartier kurz nach einer kleinen Siedlung, auf einer Anhöhe rechts der Strasse, unter zwei großen Bäumen.

 

Der Nachteil wird mir augenblicklich vor Augen geführt: von jedem vorbeifahrenden Bus, egal in welche der beiden Richtungen, ernte ich Gejohle und Geschrei. Und um diese Zeit fahren alle paar Sekunden Busse oder Jeeps vorbei. Ich tröste mich mit dem Gedanken jegliche Laermquellen ignorieren zu können. Wo habe ich auf dieser Reise nicht schon überall genächtigt. Wenn ich müde bin, schlafe ich ein und wache nur auf, wenn sich jemand meinem Zelt nähert. Alle anderen Geräusche werden von meinem Unterbewusstsein "aussortiert". Wieder ein tolles Beispiel fuer unsere "verschütteten" evolutionär bedingten Überlebensfähigkeiten. Klar, daß man dieses System daheim im "sicheren" Schlafzimmer nicht unbedingt benötigt.

 

Nachdem ich mich gewaschen habe, setze ich mich noch vor meine Behausung und knabber zwei Packungen Kokoskekse und eine Packung Schokokekse. Die habe ich mir ganz gezielt im letzten Dorf gekauft, um meinen wahrscheinlich letzten Abend im Zelt zu feiern.

 

Daß Pein und Genuss in direktem Zusammenhang stehen können, wird mir an diese Abend bewußt. Ich genieße an diesem Abend das Aufkommen der guten Gefühle, als der Schmerz im linken Knie langsam nachläßt.

 

Irgendwann, nachdem ich eingenickt bin, höre ich Schritte um mein Zelt herum. Jemand macht sich draußen ganz bewußt bemerkbar.

Okay, dann schauen wir mal, wer uns zu später Stunde noch die Ehre erweist.

Ich öffne den Reißverschluß meines Außenzeltes und schaue direkt in das Gesicht eines ärmlichen, alten Nepalesen.

Aber ich erschrecke nicht.

Meine Intuition signalisiert Entwarnung.

 

Der neugierige alte Mann fragt mich nach Zigaretten oder etwas Essbarem. Ich besitze beides nicht. Immer wieder zündet er ein Streichholz an, um einen besseren Eindruck von meinem Zelt und den darin befindlichen Gegenständen zu bekommen. Ich lasse ihn gewähren und erkläre ihm dann nach einigen Minuten, dass ich sehr müde bin und schlafen möchte. Augenblicke später verabschiedet er sich per Handschlag von mir. Ich schaue ihm noch kurz nach, wie er die Straße Richtung nächste Ortschaft geht...

 

Stunden später wache ich nochmals auf.

Abermals höre ich Schritte in der Nähe meines Zeltes.

Mein Messer liegt offen und griffbereit neben meinem Kopf.

Auch dieses Mal öffne ich den Reissverschluss möglichst schnell.

 

Ein ganz junger, nicht allzu großer Mann, kniet vor meinem Zelteingang.

Erneut gibt mir meine Intuition Entwarnung.

Ich spreche ihn an.

 

Er gibt mir zu verstehen, dass ich das Zelt besser wieder abbaue sollte, um ihm in irgendein Dorf zu folgen.

Ich verstehe nicht richtig und frage warum ich das tun sollte.

 

Die Antwort lautet: "dangerous area!".

Das kommt mir bekannt vor.

Im Iran hatte ich ein ähnliches Erlebnis in einem Naturreservat.

 

Damals wollte ich in einem Gebiet schlafen, indem sich nachts kein Mensch absichtlich aufhält. Wildschweine und Raubtiere waren dort bei Nacht eine mögliche Gefahr. Eine nette iranische Familie, die in der Nähe picknickte, hatte mich gewarnt. Die Nacht durfte ich dann in ihrem einfachen Zuhause verbringen.

 

Aus diesem Grunde frage ich: "dangerous animals?".

Die Antwort fällt unerwartet aus: "No. Dangerous people." "Poor people."

 

Auch das kommt mir aus dem Iran bekannt vor.

Nur daß ich damals die Geschichte als realistisch möglich eingeschaetzt habe.

Jetzt, Monate später, mit deutlich mehr Erfahrung, kann mich das nicht beeindrucken.

 

"You know, i am a tall and strong guy, i am not afraid of those people - and i have a gun" gebe ich zur Antwort und flunker natürlich bezüglich der Waffe.

 

Nochmals fordert er mich auf, mit ihm mitzugehen, nicht hier zu bleiben. Dann, mit einem Blick in mein Zelt, will er wissen, ob ich alleine bin.

Ich bejahe.

 

Er faselt noch irgendwas von "duty on army", aber ich kann ihm nicht so recht folgen und dann verabschiedet er sich. Auch er wird von meinen Blicken eskortiert. Nichts an seinem Abgang signalisiert mir Gefahr. Nur die letzte Frage läßt mich kurz nachdenken. Aber dann komme ich zu dem Entschluss, dass er sich wirklich Sorgen um mich macht. Ich mir aber nicht um mich. Ich bin müde...

 

 

Freitag, 07. November 2008

 

Genau genommen war ja, mit dem besteigen des Kala Patthar, mein Ziel erreicht - aber die Reise als solches ist ja noch nicht beendet...ich bin ja noch in Nepal...

 

Zwei, drei Tage nach meiner Rückkehr aus der Khumburegion und dem damit verbundenen Rückflug von Lukla (beim beschleunigen während des Starts wurde mir schon etwas mulmig), habe ich versucht, auf Einladung meines Wanderführers Eka Jirel, in sein Heimatstädtchen Jiri zu radeln. Dazu muss man wissen, daß sich Jiri ca. 200 km von Kathmandu befindet und nur noch von wenigen Everestwanderern als Ausgangsort genutzt wird.

 

Der Vorteil liegt darin, sich den Flug nach Lukla zu sparen und noch vieles von Nepal und dessen Bevölkerung und Landleben zu sehen.

Den Weg von Kathmandu nach Jiri legen die meisten in einem Bus zurück.

 

Der Nachteil: zusätliche ca. 5 Tage Wanderung bis man in Lukla ankommt, um von dort weiter Richtung Mount Everest Basislager oder gar Gipfel zu marschieren.

 

Gemäß meinem mittlerweile verstorbenen Ideengeber meiner gesamten Reise, Göran Kropp (http://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%B6ran_Kropp) wollte ich auch diesen Weg aus eigener Kraft zurücklegen.

 

Ironie des Schicksals: ich startete zu meiner Kala Patthar Wanderung auf den Tag genau 6 Jahre nachdem er bei einem Kletterunfall ums Leben gekommen war. Am 30. September!!!.

 

Doch am zweiten Tag, nach 5-stündiger, steiler, nicht enden wollender Auffahrt, entschloss ich mich unter starken Schmerzen in beiden Knien aufzugeben. Dabei tat es mir unendlich leid, da ich Eka, meinen in Kathmandu vor der Tour erworbenen Rucksack versprochen hatte. Die Idee hatte ich von anderen Wanderern. Bei Everestgipfelexpeditionen war es schon lange Brauch, den Sherpas nach Beendigung der Unternehmung die Ausrüstungsgegenstände zu schenken.

 

Eka wartete drei Tage vergebens auf mich.

Doch welch ein Überraschung, als er ein paar Tage später abends in Kathmandu vor meinem Hotel stand!!!

Ich konnte ihm doch noch "seinen" Rucksack überreichen.

 

Danach hörte ich auf meinen Körper und gönnte ihm die Ruhe, die er nach all diesen Strapazen verdient hatte.

 

Am 31. Oktober 2008 startete ich mit etwas reduzierter Ausrüstung (keine Kochutensilien) zunächst in den ca. 200 km entfernten Chitwan National Park.

 

Der erste Tag endete mit Schmerzen in beiden Knien. Am zweiten Tag reduzierten sich die Beschwerden auf das linke Knie. Das rechte hatte ich vor gut vier Jahren endoskopieren lassen. Am dritten Tag hatte ich gegen nachmittag so starke Entzündungsschmerzen, daß ich irgendwann keine Idee mehr hatte, wie ich die letzten 30 km bewältigen sollte.

 

Sattel verstellen, Pausen, langsam radeln. Nichts half mehr richtig, doch irgendwie erreichte ich doch noch mein Tagesziel.

 

Seit Sonntag bin ich also hier, habe einen Elefantenritt und eine Kanutour gemacht und mein Knie hochgelegt. Die Entzündung geht langsam zurück.

 

Dazwischen bin ich mit Hilde, einer Wahlkölnerin, per gemietetem Jeep ins 200 km entfernte Lumbini gefahren, wo wir die Geburtsstätte Buddhas besucht haben.

 

Wie so oft in den letzten Monaten fühle ich nun, daß es wieder Zeit ist aufzubrechen. Morgen früh werde ich nach Pokhara starten. Dort erwartet mich unter anderem ein grandioses Annapurnapanorama. Ich hoffe die 130 km in zwei Tagen zu bewältigen. Aber das hängt von meinem linken Knie ab. 

 

 

Mittwoch, 15. Oktober 2008

 

Heute habe ich mein Nepalvisum um 30 Tage verlängert.

Morgen radel ich nach Jiri und danach hab ich mir einen Nationalpark ausgekuckt - mit echten Nashörnern und so...

 

 

Dienstag, 14. Oktober 2008

 

Gestern morgen bin ich aus dem Khumbutal via Lukla ausgeflogen. Den Weg vom Kala Patthar (5.545m) nach Lukla (2.900m) haben wir letztendlich in 4 Tagesetappen zurückgelegt, wobei wir noch einen Erholungstag in Namche Bazar eingelegt hatten.

 

Dort habe ich auch ein paar russische Freunde wiedergetroffen, die ich auf dem Weg nach oben kennengelernt hatte. Zu uns gesellte sich dann abends noch Al aus Australien und ein tschechisches Pärchen aus Prag. Zusammen haben wir dann auf unseren Erfolg angestossen.

 

Der Weg zurück war wunderschön und ich bin so froh, rechtzeitig gestartet zu sein, denn nun wandern wahre Tourihorden Richtung Everest. Dabei kann man sich manchmal nur wundern, wer alles dort hoch will. Witzig ist auch, dass die meisten anscheinend nicht in der Lage sind, ihr Tempo, das sie "mitgebracht" haben, hier zu reduzieren. Und so rasen sie hier los, oft mit der einleuchtenden Begründung keine Zeit zu haben!!!

 

Das Ergebnis zeigt sich dann nach spätestens nach 4 bis 5 Tagen. Viele müssen umkehren, weil sie die Höhenkrankheit erwischt hat. Aus der Traum.

Das Gute ist, dass sie dann genug Zeit haben - um heimzufliegen!!!

Dort oben gibt es letztendlich nur eine Möglichkeit ans Ziel zu gelangen. Ganz langsam gehen und auf seinen Körper hören.

 

In Pengboche hatten wir abends nen Riesenspaß mit drei Chinesen. Eine davon, Eve, will alle Basislager nach und nach "erwandern". Everest, Annapurna, Cho Oyu, K2 etc.

 

Und sie macht das aus dem gleichen Grund wie ich: weil der Gipfel für sie nicht machbar ist!

 

In Pakhding, unserem letzten Stop vor Lukla, haben wir dann Chuchil getroffen, einen Nepalesen aus der Trekkingagentur, bei der ich gebucht hatte und der mich noch morgens zum Flughafen gebracht hatte.

 

Am Ende saß ich mit lauter nepalesischen Wanderführern in der Küche des Gasthauses und konnte so Stundenlang dem chaotischen werkeln der elfköpfigen Familie fasziniert zusehen.

 

Einer der Führer,  hatte am Morgen des Absturzes verschlafen, die Maschine verpasst und dadurch überlebt. Doch die Nepalesen verschwenden keinen Gedankengang an solche Überlegungen. Alles ist Karma und damit ist es dann auch besprochen. Ich habe ihn trotzdem "Holy Guy" genannt.

 

In Lukla habe ich dann Lutz, einen Bergsteiger aus Berlin wiedergetroffen. Er will mit seinem Kumpel, einem Gesamtschullehrer aus Flensburg einen Sechstausender besteigen. Lutz hatte mir auf dem Weg zum Kala Patthar, nach unserem ersten netten Gespräch, seine Visitenkarte gegeben. Unter seinem Namen stand seine selbst erdachte Bezeichnung "Permanent Traveller". Was habe ich mich gefreut! Super Titel!

Jedenfalls sind Beide ganz tolle Typen, mit denen ich einen Riesenspaß beim unterhalten hatte.

 

Lutz hat mir dann gesagt, dass die Absturzstelle nach wie vor nicht geräumt und auch frei zugänglich ist. Ich habe mich dann aber entschieden, den Ort nicht aufzusuchen und Eka, meinem Führer meine Kamera mitgegeben, der dann auch ein paar Fotos gemacht hat.

 

Lutz und sein Kumpel sind auch nochmal runter und haben mir danach erzählt, daß dort unten Tagebuecher der verunglückten Deutschen liegen. Eines dieser Tagebuecher wurde vom Wind Seitenweise umgeblättert und Lutz konnte lesen "Zug in Leipzig verspaetet..." und an anderer Stelle "Harpe Kerkeling: ich bin dann mal weg...". Karma.

 

Gestern abend bin ich mit ein paar Jungs von meinem Gasthaus auf ihren Motorrädern in die "Hills" - das hügelige Umland von Kathmandu gefahren. Ein junges Paar aus der Schweiz hat uns begleitet. Als wir dann nach eineinhalb Stunden irgendwo dort oben angekommen sind, haben wir erfahren, dass das Festival, das eigentlich unser Ziel war, abgesagt wurde. Wir haben dann einfach in einer Kneipe bei Kerzenicht gegessen und hatten einen Riesenspaß, bevor wir wieder durch die Nacht nach Kathmandu zurueckgefahren sind.

 

Übermorgen werde ich der Einladung meines Tourenführers folgen und mit dem Rad in seinen Heimatort Jiri fahren. Das liegt ebenfalls in den "Hills" und ich hoffe die gut 200 km in 3 Tagen zu schaffen. Dort verbringe ich dann ein paar Tage um danach via Kathmandu nach Pokhara weiterzufahren, wo ich ebenfalls ein paar Tage bleiben werde. Das sind dann von Kathmandu einfache Strecke nochmal 200 km.

 

 

Donnerstag, 09. Oktober 2008

 

Am Dienstag den 07. Oktober 2008 habe ich um 10:13 den Gipfel des 5.545 Meter hohen Kala Patthar erreicht und damit mein Ziel übererfüllt, denn gut 300 Meter unter mir sah ich das Mount Everest Basislager.

 

Aus diesem Grunde stellte ich nach einigem überlegen die 6-stündige Wanderung am nächsten Tag ins Basislager zunächst in Frage.

 

Nachdem wir eine gute halbe Stunde das einmalige Everest-, Nuptse- und Lhotse-Panorama geniessen konnten, bekam ich langsam Kopfschmerzen. Daraufhin entschied ich mich zum sofortigen Abstieg.

 

Nach dem Mittagessen, im gut 400 Meter tiefer gelegenen Gorak Shep verstärkten sich die Kopfschmerzen. Daraufhin nahm ich eine halbe Schmerztablette und legte mich für 2 Stunden schlafen. Nachdem ich wieder wach war, teilte ich Eka meine Entscheidung mit, direkt ins gut 3 Stunden entfernte Lobuche (4.900m) abzusteigen, wo wir dann übernachteten und die Schmerzen am nächsten Morgen verschwunden waren.

 

Man muß dazu wissen, daß erst letzte Woche ein Inder auf dem selben
Wanderweg und der etwa gleichen Höhe innerhalb von 24 Stunden an Höhenkrankheit gestorben war. Bei den geringsten Anzeichen hilft nur sofortiger Abstieg. 

 

Ich bin nun einfach dankbar, daß ich mein großes Ziel erreichen konnte:

 

einmal den Everest sehen und das vom höchsten, mir machbaren Punkt.

 

Daß persönliches Glück und Tragödie sehr nahe beieinander liegen können, mußte ich keine 24 Stunden später beim Rast auf einer Hütte erfahren.

 

Die Menschen, die in der Maschine nach Lukla saßen, die dann beim Landeanflug verunglückte, waren auf dem Weg ihr großes Ziel zu erreichen, doch kurz davor wurden sie aus dem Leben gerissen.

 

Man sollte sich nicht zu lange Zeit lassen, seine Träume und Wünsche zu verwirklichen, jeder Tag kann der letzte sein...

 

 

Montag, 29. September 2008

 

Morgen früh, gegen 5:15 Uhr, werde ich abgeholt und zum Flughafen in Kathmandu gefahren.

Von dort startet um 6:30 Uhr mein Flug nach Lukla.

Witzigerweise hatte ich vor meiner Abreise aus Deutschland einen Video von genau diesem Flug auf meine Seite gestellt, ohne zu ahnen, welche Bedeutung er für mich bekommen würde.

 

In Lukla werde ich dann von "meinem" Wanderführer abgeholt, der mich dann für 14 Tage auf meiner Wanderung zum Mount Everest Basislager begleiten wird.

 

Die einfache Distanz betraegt 55 km und es ist geplant diese Strecke in ca. 10 Tagen zu bewältigen. Dabei überwinden wir nach dem Start in Lukla (2.800 Meter Höhe) insgesamt 2.745 Hm bis wir im Basislager ankommen.

 

 

Dienstag, 23. September 2008

 

Nein, es ist keine Verwechslung. Ich bin wieder in Chengdu. Doch der Reihe nach.

 

Freitag, 18. September 2008:

 

Ich treffe mich mit meinem holländischen Freund, Mark, um 7 Uhr zum Frühstück. Zwei schwarze Kaffee und einen leckeren Fruchtsalat später - es ist ca. 7 Uhr 45 - winken wir uns vor "Sims Cosey Guesthouse" (http://www.gogosc.com/enly_aboutus.asp) - unserem Hostel - ein Taxi und fahren aus der ewig schwülen Stadt raus zu den Pandas. Früh morgens sollen sie noch aktiv sein und es ist noch schön leer - prima Voraussetzungen fuer Fotos, Filme und bleibende Erinnerungen im Kopfkino.

 

Wir also aus dem Taxi raus, ich sehe noch sowas wie einen Schalter für Eintrittskarten, aber Mark und ich laufen staunend einfach am Personal vorbei in den Pandapark - ohne zu bezahlen - aber aus Versehen!!! 30 Yuan - 3 Euro hätte der Eintritt gekostet.

 

Jedenfalls verbringen wir die nächsten knapp 3 Stunden im Park, schiessen unzählige Fotos, machen kleine Videos und sind uns hinterher einig: der Besuch hat sich gelohnt.

 

Danach fahren wir zurück Richtung Hostel. Das Mittagessen nehmen wir keine 100 m Meter vom Hotel entfernt, in einem tollen chinesischen Restaurant ein. Drei riesige, leckere Gerichte, Bier, Reis - das Ganze für knapp 10 Euro!!!

 

Zurück im Hostel, geht Marc erst mal ein Nachmittagsschläfchen halten, während ich mich mit Robert über seine Pläne unterhalte. Auch Theresa aus England ist noch da und wir verbringen den Abend schwatzend in der Hostelbar. Kyron, ein junger Lehrer aus Irland, Dani aus Spanien, Theresa aus England, Rob aus Österreich und später gesellt sich der verschlafene Mark aus den Niederlande dazu.

 

 

Samstag, 20. September 2008

 

Nachdem ich über die Hosteleigene Reiseagentur herausgefunden habe, daß es von Chengdu nach Lhasa und weiter zum Basislager zu teuer wird, buche ich einen Flug zurück nach Urumqi. Erst muss ich mein Reiserad holen und dann sehe ich weiter.

 

Vielleicht lagere ich es hier ein und schaue mir auch noch die Terrakottasoldaten und Bejing an.

 

 

Sonntag, 21.09.2008

 

Punkt 13.40 Uhr hebt mein Flieger Richtung Urumqi ab. Dort angekommen, lasse ich nicht locker, bis ich weiß, wie groß der Karton für mein Rad sein muss und wo ich ihn bekomme. Jedenfalls nicht am Flughafen. Ich muss in einen Radladen in der Stadt.  Nach einem zwischenzeitlichen Abstecher in das Cargogebäude am Flughafen und lauter Chinesen, die kein englisch sprechen, wird für mich zunehmend klarer: ich will endlich wieder aufs Rad und in die Natur. Gedanklich beerdige ich die Terrakottasoldaten und Bejing. Ich will raus aus China.

Für die Fahrt zum Hotel nimmt der Taxifahrer 60 Yuan. Danke. Auch das hilft bei der Entscheidungsfindung.

 

Es ist schon fast dunkel, als ich noch in ein Internetcafe radle. Robert, der Controller aus der Steiermark, will morgen nach Urumqi kommen und ich habe ihm angeboten, mit mir mein Zimmer zu teilen. Also schick ich ihm noch eine eMail mit meinen Kontaktdaten.

 

 

Montag, 22. September 2008

 

Ich versuche auszuschlafen, werde aber von dem Marktlärm vor dem Hotel geweckt, den ich sogar im siebten Stock noch höre. Also gehe ich frühstücken. Danach komme ich bis 13 Uhr nicht mehr vom PC weg. Ich stelle Tadschikistanbilder ins Netz.

 

Dann radel ich zu einem Radladen, in dem ich schon letzte Woche zwei richtig schöne Bergfahrräder gesehen hatte. Ein Trek und ein DaBomb. Mit Händen und Füssen und meinem kleinen Bilderbuch namens "Point it" vermittle ich den Jungs meine Herausforderung. Man schleppt mich daraufhin 3 Radläden weiter (die sind alle nebeneinander) und dort werden wir fündig.

 

Mit einer Hand lenke ich das Rad, mit der anderen jongliere ich den großen Karton quer durch Urumqi. An einer Ecke erstehe ich noch ein Klebeband.

 

Zurück im Hotel zerlege ich in gut einer Stunde mein Fahrrad, so weit wie notwendig.

 

Gegen 19 Uhr kommt Robert mit dem Taxi. Ich zeige ihm unser Zimmer und danach gehen wir fürstlich schlemmen. 1,5 kg Fisch. Chinesisch zubereitet. Dazu Gemüse, Reis und Hähnchenspieße. Wir sind die Letzten, die das Lokal verlassen. Im Hotel unterhalten wir uns bis 2 Uhr weiter.

 

 

Dienstag, 23. September 2008

 

Der Wecker klingelt um 08.30 Uhr. Ich dusche und rasiere mich. Dann gehen wir frühstücken. Nach einem mittelgroßen Abrechnungsdrama verlassen wir gegen 10 Uhr 30 das Hotel. 

 

Während des Abrechnungstheaters hat ein Taxifahrer mein Gepäck schon eingeladen. Das hat nun seinen Preis. Letzte Woche hatte die Fahrt zum Flughafen 20 Yuan gekostet, nun verlangt er 100. Wir einigen uns auf 50 (5 Euro). Kurz vor dem Flughafen muss er noch 10 Yuan Maut bezahlen. Am Flughafen gebe ich ihm 100 Yuan. Er sagt "okay" - ich sage "no". Er gibt mir noch 40 Yuan, die er unter dem Lenkrad versteckt hatte. 

 

Vor dem Eingang des Abfluggebäudes stehen gut 100 Chinesen und ich mit meinen 5 Packtaschen und einem Fahrradkarton. Das Einzige was mir jetzt hilft, entdecke ich im Gebäude: Gepäckkarren.

Ich gestikuliere. Ich frage. Nein! Ich darf sie erst drinnen nutzen. Na prima! Ich beschwere mich. Es hilft. Ein paar Chinesen setzen sich für mich ein. Sie haben verstanden, daß ich mein ganzes Gepäck ohne Karren nur schwer in die Warteschlange und ins Gebäude bringe. Allein, die Polizisten bleiben hart. Plötzlich packen normale Bürger und dann sogar die Polizei mit an und helfen mir beim tragen.

 

Ich lächle und bedanke mich. Bei der Gepäckkontrolle wird mein uigurisches Messer entdeckt. Nach einer kurzen Diskussion (es war nicht im Handgepäck) schenke ich es dem verduzten Kontrollbeamten.  Ich will hier nur noch weg. Beim einchecken habe ich 32 kg Übergepaeck. Kostet 992 Yuan. Knapp 100 Euro. Sei's drum. Abflug.

 

In Chengdu gelandet, erkundige ich mich sofort nach einem Flug nach Kathmandu. Der nächste geht erst am Donnerstag. Ich lagere mein Rad und meine grosse gelbe  Packtasche fuer 180 Yuan am Flughafen ein und schnappe mir ein Taxi. Eine halbe Stunde später steige ich vor "Sim's Cosy Guesthouse" aus. Ich bekomme nur noch ein Einzelzimmer ohne Dusche und WC für umgerechnet 8 Euro. Dann dusch ich halt morgen.

 

Sofort organisiere ich meinen Weiterflug nach Kathmandu. Die Antwort läßt aber auf sich warten. Also bringe ich mein Gepäck aufs Zimmer und stelle mich danach auf die Waage, die ich letzte Woche hier entdeckt hatte. 89 Kilo. Normalgewicht. Mit 98 war ich gestartert. Aber ich schätze, ich hatte zwischendurch, in der Wüste von Turkmenistan, so um die 80 Kilo. 

 

Am Donnerstag um 07.40 Uhr hebe ich Richtung Nepal ab. Für gut 400 Euro. Ich will endlich den Mount Everest sehen!!!

 

 

Mittwoch, 17. September 2008

 

Gestern abend laufe ich die Strasse, in der sich mein Hotel befindet, runter und denke, ich betrete ein chinesisches Restaurant. Nein. Es entpuppt sich als Teehaus. Das Witzige daran ist, dass ich nach der Menükarte verlange und eine Teekarte bekomme. Ich denke, das ist ein Irrtum und frage nach. Da stellt sich heraus, daß man eben eine große Kanne Tee bestellt und dann vom Buffet essen darf, soviel man will. Nur daß der Zimttee eben knapp 10 Dollar gekostet hat. Das Ganze wurde noch von einer chinesischen Musikerin auf einem traditionellen Instrument untermalt. Ich bin begeistert.

 

Danach bin ich nochmal ins Netz und habe recherchiert und bis gut 1 Uhr heute nacht "gehirnt". Irgendwann habe ich dann auch mal unkonventionell "quergedacht". Das Ergebnis sieht nun so aus:

 

da es hier selbst schwierig ist, jemanden zu finden, der englisch spricht, hätte ich zum Flughafen radeln müssen, um herauszufinden, was rad falten oder einpacken bedeutet. Im schlimmsten Fall hätte ich dann zurück in die Stadt müssen, einen Radladen und eine Verpackung finden. Koennte mich gut 2 Tage kosten, bei den Sprachproblemen und den Dimensionen hier. Dasselbe dann von Chengdu nach Lhasa. Und ich immer mit 6 Packtaschen und nem Fahrrad unterm Arm. Nein Danke. Das funktioniert nur, wenn man vorher alles klären kann oder es wie bei KLM (von Bejing nach Europa) vorher recherchiert werden kann.

 

Und selbst mit Fahrrad unterm Arm komm ich ohne Führer (der das Permit hält) nicht alleine raus aus Lhasa. Geht nicht. Wie gesagt: es hat dieses Jahr noch kein Radler alleine Tibet durchradelt!!!

 

http://www.china08.frosto.co.uk/2008/08/26/tibet-permit-info

 

Also fliege ich mit einem Rucksack und einer Packtasche voller Klamotten nach Chengdu und versuche von dort eine geführte Tour zum Basislager und zurück zu buchen. Mein Rad und das andere Gepäck kann ich hier im Hotel in Urumqi lagern.

 

Donnerstag, 19. September 2008

 

Ich stehe gege 07.30 Uhr auf, mach mir einen Kaffee in meinem exklusiven Hotelzimmer (knapp 27,- Euro die Nacht) und pack meinen kleinen Tagesrucksack und eine große Packtasche mit warmen Klamotten für die Tour via Chengdu und Lhasa zum Mount Everest Basislager.

 

Gegen 9 Uhr checke ich aus dem Hotel aus. Mein Fahrrad und die Packtaschen kann ich kostenlos einlagern. Mit dem  Taxi für knapp 2,- Euro gehts zum Flughafen. Abflug ist gegen 13.45 Uhr. Während ich auf den Flieger warte, trinke ich einen superteuren Kaffee fuer umgerechnet 6,50 Euro. Dafür kann man hier zu zweit oppulent chinesisch essen gehen. Später kommt noch ein auf Crasheis drapierter Früchtesalat dazu. Nur, als ich merke, was ich meinem  Magen und Gedärm hier vermeintlich antue, ist es zu spät. Schnell schluck ich eine Perenterol hinterher. Ich  habe Glück. In meinem Leibesinneren bleibt alles ruhig. Puuuh.

 

Kurz vor dem Abflug, als ich am Gate darauf warte, an Bord gelassen zu werden, erscheint Marc, der Holländer auf der Bildfläche. Wir hatten uns im Seman-Hotel in Kashgar kennengelernt und eine Menge Spaß gehabt. MarK hat die letzten Jahre in London gelebt und gearbeitet und ist nun auf dem Weg nach Australien, um dort Arbeit zu finden.

 

Jedenfalls ist die Wiedersehensfreude groß und wir sitzen im Flieger auch noch hintereinander. Nach 3 Stunden landen wir in Chengdu. Nachdem wir unser Gepäck geholt haben, fahren wir mit dem Bus in die 4,5 Millionen- Einwohner-Metropole. Die Suche nach einem freien Taxi wird zur Geduldsprobe, zwischendurch reserviert Mark noch per Telefon Betten für uns in Sims Cozy Guesthouse - einem bei Rucksackreisenden sehr beliebten Hostel.

 

Ich nehme ein sehr effizient gestaltetes Einbettzimmer für umgerechnet 12 Euro, Marc bucht ein Mehrbettzimmer für knapp 3,- Euro.

 

Im dazugehörigen Reisebüro offenbare ich meine Everestpläne. Man bietet mir eine 8-Tages-Reise ohne Flug fuer umgerechnet 900 Euro. Entschieden zu teuer.

 

Ich lerne Robert aus Österreich und Dani aus Spanien kennen. Kurz darauf kommt Theresa aus England dazu.  Robert will nach Tibet, Dani zuerst auch, doch dann bucht er Kathmandu. China und Tibet ist zu kompliziert und teuer. Theresa hat ein 4 Monate gültiges Rund-um-die-Welt-Flugticket. Wir entscheiden gemeinsam essen zu gehen.

 

Der Abend endet nachts um 1 Uhr. Nach einer angeregten Diskussion um die Zukunft der Welt. Dabei probieren wir hausgemachten Lemonwhisky.

 

Als ich ins Bett sinke, ist es schwülheiss - ich schlafe bei eingeschaltetem Ventilator.

Morgen früh treffe ich mich mit Mark zum Frühstück. Es soll ein großartiger Morgen werden. Warum? Ganz einfach. Chengdu ist nicht irgendeine Stadt. Chengdu ist Panda-City... Hier werden weltweit die einzigen Pandas gezüchtet und wir wollen sie in einem Park besuchen. Morgen ist PANDATAG!!!

 

 

Dienstag, 16. September 2008

 

China beginnt mich zu faszinieren - das Land, die Leute, die Größe, das Verhalten: manchmal freundlich, manchmal ruppig.

Bin heute nach ca. 22 Stunden Zugfahrt in Urumqi angekommen. Im Zug selbst habe ich Graham und seine Frau aus Australien, John aus Irland und Ihre Touristenführerin "Star" - eine sehr nette Kirgisin wieder getroffen. Alle waren mit mir auch in Kashgar im Hotel Seman - das sich übrigens genau in der Straße befindet, in der vor Wochen die 16 chinesischen Polizisten bei dem Terroranschlag getötet worden sind.

 

In Kashgar selbst, war ich viel mit Tamar unterwegs, einen Abend waren wir zusammen mit einem frisch verheirateten deutsch-französischen Paar, einem lustigen Holländer und Ben aus Israel uigurisch essen. Lecker und billig. Mmmmmmhhhh.

 

Samstag hab ich auf drängen von Abdul, einem 21-jährigen Touristenführer eine Exklusivrundfahrt mit dem Rad für mich gebucht. Die Fahrt gab mir einen guten Eindruck von Kashgar und das Ganze war ziemlich entspannt. Sonntag sind Tamar und ich dann zum legendären "Sunday Animal Market" gefahren, wo es vom Kamel über Maultiere, Pferde, Kühe, Ziegen und Schafe auch Zaumzeug und Einachser zu kaufen gab. Ganz zu schweigen von den skurrilen Typen, die man dort zu sehen bekam. Zum Teil wie in einem orientalischen Märchen.

 

Danach sind wir dann zum regulären "Sunday Market" weitergefahren - einen riesigen Bazar wie aus 1001 Nacht. Für knapp 35 Euro habe ich ein wunderbares Messer erstanden, wir haben Fellmützen und andere Kopfbedeckungen anprobiert, Feigen und Süßigkeiten gegessen und die Zeit verging wie im Flug.

 

Nun sitze ich hier in Urumqi in einem nagelneuen Hotel für knapp 26 Euro die Nacht und die Hoffnung siecht so langsam vor sich hin. Meinen letzten Recherchen zufolge ist Ben - ein Australier - der Einzige, der es seit April geschafft hat ohne Permit allein durch Tibet zu radeln.

 

Die Restriktionen sind so knüppelhart, daß ich langsam keine Lücke mehr sehe. Gleich nach meiner Ankunf in dieser Millionenstadt habe ich in meinem Hotel rührende Unterstützerinnen gefunden. Zeitweise haben sich drei Damen um einen Flug nach Chengdu (Suedwestchina) gekümmert. Den Tip habe ich von Tom - einem New Yorker - und seiner Frau in Kashgar bekommen. Der Haken ist nur: ich müsste mein Rad zusammenfalten oder zerlegen, ansonsten nehmen sie es nicht im Flieger mit. Und dann wäre ich erst in Chengdu. Chengdu war bis vor 5 Jahren noch die Hintertür nach Tibet. Tom hatte damals innerhalb von 2 Stunden sein Permit und sein Flugticket nach Lhasa bekommen. Die heutigen Bestimmungen zufolge braucht man heute aber Mitreisende. Eine Gruppe sind demzufolge 2 bis 4 Personen. Ganz nach Laune derjenigen die das Permit bewilligen. Und um das Ganze zu erschweren, müssen alle aus dem gleichen Land stammen!

Ergänzend muss man eine Tour mit Ausgangspunkt Lhasa buchen. Das Permit selbst behält immer der Touristenführer, gibt er es aus der Hand, verliert das Unternehmen für das er tätig ist, seine Lizenz. Und ohne Permit kann ich mich nicht allein auf den Weg machen.

Guter Rat ist also teuer. Was würdet Ihr an meiner Stelle machen?

 

 

Donnerstag, 11. September 2008

 

Heute, am späten Nachmittag, bin ich zusammen mit Tamara, einer Touristenführerin aus Israel, in Kashgar per Bus angekommen.

 

Am 29. August hatte ich Kharog alleine in Richtung "Pamirs" verlassen, nachdem ich mich von Sabine und Uli wieder getrennt hatte. Ich wollte diese einsame und wunderschöne Gegend einfach intensiver und konzentrierter erleben und ich denke, dass das alleine am besten funktioniert.

 

Im Pamirhochgebirge selbst habe ich fünf Paesse mit mehr als jeweils 4.200 m überquert - die Krönung meines bisherigen Radlerlebens war schließlich der 4.655 m hohe Akbaytalpass.

 

Das Mineralwasser ist mir in meinem Zelt nachts gefroren - ihr errinnert Euch: ich kann es nicht mehr schließen, da beide Reißverschlüsse kaputt sind. Den von Sabine und Uli geliehenen Kocher habe ich im Griff - es gab eigentlich jeden Abend Reis oder Pasta.

 

Nach den "Pamirs" und dem verlassen von Tadschikistan habe ich in der ersten größeren Ansiedlung - Sary Tash - 3 Ruhetage eingelegt. Ich konnte mir in diesen drei Tagen mal wieder richtig den kaum noch vorhandenen Bauch (unter anderem mit frisch geschlagener Butter und frischer Marmelade) vollschlagen. War das lecker !!!

Einen Tag und eine Nacht habe ich dabei in einer echten Jurte verbracht. Der Höhepunkt schlechthin.

 

Am 10.09. habe ich dann schliesslich versucht, auf der meiner Meinung nach schlechtesten Straße der Welt, an die chinesische Grenze zu radeln. Nach 20 km hatte ich wieder einen Platten. Ich habe schließlich einen Truck angehalten, er hat mir wegen meiner defekten Pumpe den Schlauch aufgeblasen und geendet hat das Ganze schließlich irgendwann in den späten Abendstunden an der kirgisisch-chinesischen Grenze. Keiner war des Anderen Sprache mächtig, aber wir haben uns trotzdem prima "verstanden"!!! Geschlafen habe ich dann im offenen Container (wegen der Erstickungsgefahr...).

 

Am nächsten Morgen war dann die Überraschung groß als ich Sabine und Uli im kirgisischen Grenzgebäude wiedertreffe. Die Spannung, die in Kharog noch zwischen uns geherrscht hatte ist verflogen und wir haben uns einiges zu erzählen. Die letzte Meter zur kirgisischen Grenze fahren wir wieder gemeinsam, danach trennen wir uns ein letztes Mal. Ich wünsche den Beiden alles Gute für ihre weitere Reise durch China, Laos und Kambodia.

Kaum hatte ich dann das chinesische Grenzgebäude verlassen, bin ich Tamara über den Weg gefahren. Wir haben uns sofort prächtig verstanden und sie hat mir netterweise einen Platz in "ihrem" Bus nach Kashgar vermittelt.

 

Kashgar selbst ist eine wunderbare, zum Teil sehr alte "Seidenstraßenstadt". Was gibt es hier nicht alles zu sehen, zu riechen, zu essen, zu erleben, zu hören und zu diskutieren! Ne Menge anderer Reisender aller Alterklassen und Nationalitäten sind ebenfalls im Hotel abgestiegen und es ist irre, endlich unter Gleichgesinnten zu sein. Jeder verfolgt sein spezielles Ziel, ist am arbeiten oder auswandern, oder, oder, oder,...lauter positiv Verrückte eben...

 

Morgen werde ich mit dem Zug weiter nach Urumqi reisen. Von dort wird es dann immer schwieriger Richtung Lhasa zu kommen und wie ich eben erfahren habe, ist es sehr, sehr schwer als Alleinreisender ein Tibetpermit zu bekommen.

 

Doch die Hoffnung stirbt zuletzt...

 

 

Freitag, 29. August 2008

 

Nachdem wir vor fast zwei Wochen in Dushanbe losgefahren sind, haben wir vor zwei Tagen Kharog - das Tor zum Pamir Highway - erreicht.

 

Von Dushanbe aus haben wir uns langsam wieder in die Bergwelt herangetastet.

Ich habe den höchsten Pass meines bisherigen Radlerlebens fahrend gemeistert (3.252 m) und anschliessend eine 2.000 Hoehenmeter Abfahrt in wunderschöner Bergwelt genossen, in der leider immer noch Minen aus dem letzten Krieg gesucht werden.

Nach der Abfahrt und einem Mittagessen in Kaiaikhum gings für fünf Tage am Grenzfluss zwischen Tadschikistan und Afghanistan weiter. Beindruckend waren die unglaublich waghalsig anmutenden Afghanen und ihre Maultiere oder Esel mit den sie einen Steinwurf von uns entfernt auf schmalen, in den Berg gebauten Pfaden, ihre Lasten wie seit Jahrhunderten von Dorf zu Dorf transportieren.

Dabei schreiten sie stolz und scheinbar glücklich und zufrieden mit sich und der Welt, immer ein Lied auf den Lippen, zügig voran. Toll anzusehen sind auch die traditionellen Gewänder in denen sie sich bis heute kleiden.

 

Nun sind wir den dritten Tag in Kharog (2.100 m) in der sehr ruhigen und einfachen "Pamir Lodge". Der erneute Durchfall ebbt ab, wir regenerieren uns, haben mal wieder heißes Wasser zum waschen und können uns um die Ausrüstung kuemmern.

 

Mein neuer Brooks Ledersattel, den ich zusammen mit drei Schläuchen (fälschlicherweise mit Autoventilen) in Dushanbe bei DHL abholen konnte, ist zum besten Freund meines Hinterteils geworden. Es ist tatsächlich so, wie ich immer befürchtet hatte: ich hätte mir mit diesem Sattel mehr als 6.000 km Quälerei ersparen können...

 

In der "Pamir Lodge" habe ich zwei sehr nette Bergradfahrer aus Südtirol kennen gelernt. Andreas und Alex (www.bergzeckn.com). Und wieder ist etwas Unglaubliches passiert: sie haben Schläuche mit französischen Ventilen und Flickzeug!!! Genau das, was ich mir seit Wochen händeringend wünsche, nachdem mich mein Hinterrad nach wie vor immer wieder mit zu wenig Luft schockiert.

 

Doch die nächste Prüfung steht schon ins Haus oder besser gesagt ins Zelt. Die Reißverschlüsse meines Innenzeltes haben den Geist aufgegeben, die Verbindungsleine des Zeltgestänges ist gerissen und ein Rohr desselben Gestänges ist gebrochen. Will heissen, es kommen kalte Zeiten auf mich zu... mal sehen wie der Händler (www.woick.de) und der Hersteller (www.vaude.de) reagieren...da muss ich mich heute noch drum kümmern, damit die mir Ersatz nach Kashgar schicken können...

 

Morgen oder übermorgen gehts dann hoch ins Pamirgebirge auf über 4.000 m - letzte Woche solls dort auch mal geschneit haben. Das werden dann knapp zwei Wochen und gut fünf bis sechshundert Kilometer in einsamster Hochebene bis zur Grenze nach Kirgistan.

 

Da gilt es die Kohlehydratspeicher aufzufüllen, was bei einem indischen Restaurant hier in Kharog anschliessend leicht und mit viel Genuss von mir umgesetzt wird.

 

 

Nachtrag: Ganz dickes "DANKE SCHÖN" an die Firma WOICK in Filderstadt-Bernhausen für den gigantisch schnellen Service und das gezeigte Engagement mein Anliegen dem Hersteller VAUDE gegenüber zu vertreten. Ein ganz dickes "DANKE SCHÖN" an der Ausrüster VAUDE fuer die sofortige Bereitschaft mir ein kostenloses neues Zelt über den Händler WOICK zur Verfügung zu stellen. Kundenservice par Excellence !!! Und das Ganze war von meinem Anruf bei WOICK an, in nicht ganz 30 Minuten geklärt !!!

 

 

Samstag, 16.08.2008

 

Heute legen wir noch einen Besorgungs-, Wartungs- und Ruhetag in Dushanbe ein, nachdem wir gestern in den frühen Mittagsstunden ein sehr zentral gelegenes Hotel für umgerechnet 23 Euro die Nacht bezogen haben.

 

Morgen fahren wir dann weiter Richtung Pamir-Highway. Nachdem, was wir die letzten Tage bereits sehen und erleben durften, ist Tadschikistan ein wunderschönes Land!!!

 

Landschaften und Dimensionen, die man nicht mehr vergisst. Einfach 

überwältigend.

 

Nachdem die Technik (PC, Internet,...) auch hier mal wieder nicht mit dem wirklichen Leben und der Perfektion der Natur mithalten kann, verabschiede ich mich und versuche mich in 

3 bis 4 Wochen aus Kashgar (China) zu melden.

 

 

Mittwoch, 13.08.2008

 

Ein kleines Wunder, dieses Internetcafé, dass ich hier in diesem kleinen tadschikischen Ort heute morgen gefunden habe. Eigentlich wollten wir mal wieder nur unsere Packtaschen mit Essbarem füllen. Aber das Angebot wird zunehmend kleiner. Reis und Fischkonserve oder Brot und Fischkonserve, etwas Tomate, etwas Obst, viel Süssgebäck.

 

In den letzten sieben Tagen sind wir von Buchara nach Samarkand geradelt, haben dort einmal übernachtet und uns die traumhafte Stadt aus 1001 Nacht angeschaut. Herausragend der Registanplatz.

 

Am vierten Tag sind wir dann nach Tadschikistan weiter. Gleich zu Beginn habe ich mir dann eine Rippenprellung zugezogen, aber so kennen wir ja unseren Mr. Bean...

 

Gestern war der für mich schönste Tag meiner ganzen Tour. Wir haben zwar nur 50 km gemacht, weil die Strassen so schlecht und teilweise steil waren, aber das wild zerklüftete Flußtal auf dessen Halbhöhenpanoramastraße wir gestern unterwegs waren, hat uns unglaublich spektakuläre Aussichten ermöglicht. Einfach atemberaubend. Aber auch sehr gefährlich. Vor drei Tagen ist ein Auto in die Schlucht gestürzt, drei Chinesen haben sie schon tot gefunden, die anderen zwei waren sie gestern noch am suchen. Vorletzte Woche dasselbe. Drei Autos - 20 Tote.

 

Heute und morgen nehmen wir den 3.375 m hohen Anzobpass in Angriff. Und jetzt kommt gerade die Polizei ins Internetcafe - Ausweiskontrolle - ich muss aufhören...

 

 

Mittwoch, 06.08.2008

 

Nach einer weiteren elfstündigen, aber weniger heißen nächtlichen Zugfahrt, haben wir gegen 7 Uhr Buchara erreicht.

 

Im Gepäck bringen wir mit:

 

30-Tage-Visum fuer Tadschikistan

30-Tage-Visum fuer Kirgistan

30-Tage-Visum fuer CHINA !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

 

Das bedeutet, daß wir heute nochmal richtig ausschlafen und morgen versuchen in drei Tagen Samarkand (ca. 280 km) zu erreichen. Samarkand ist nach Buchara der zweite Höhepunkt der "Seidenstrasse".

Dort werden wir nochmals in einem billigen Hotel übernachten und am nächsten Tag die restlichen gut 50 km Richtung Tadschikistan unter die Stollenreifen nehmen. In Tadschikistan fahren wir dann in gut 4-5 Tagen, unter anderem über einen 3.000 Meter-Pass, nach Duschanbe, die Hauptstadt Tadschikistans.

Dort erhalten wir hoffentlich die Originale unserer Pamir-Highway Permits (das sind die Genehmigungen, damit man diese traumhafte Straße fahren darf) und mein DHL-Paket (Reifen, Schläuche, etc.).

 

Von Dushanbe aus führt unser Weg hoch ins Pamirgebirge. Der Highway selbst ist ca. 1.100 km lang und wir haben dafür Zeit bis zum 10. September. Danach gehts dann über ein kurzes Stück Kirgistan über den Ort Sary-Tash und den Irkeshtam-Pass (chinesische Grenze) runter nach Kashgar.

 

Hier werden sich voraussichtlich die Wege von Sabine, Uli und mir trennen. Die beiden werden wohl versuchen über die südliche Seidenstrasse nach Ostchina und dann ans chinesische Meer zu kommen. Dazu werden sie aber mehrmalig ihr Visum verlängern müssen, was natürlich immer von der Willkür der chinesischen Behörden abhängig ist. Für mich erscheint dieses Risiko wahrscheinlich zu groß, denn wenn eine Verlängerung abgelehnt werden würde, könnte es sein, dass ich den Everest überhaupt nicht erreiche.

 

Für mich und meine 30 Tage bleibt wohl nur ein Flug von Kashgar nach Lhasa übrig. Von Lhasa würde ich dann den "Friendship Highway" mit Abstecher zum Mount Everest Basislager und weiter nach Kathmandu wählen.

 

Aber das wird - auch wegen der Genehmigungen für Tibet - noch ein langer und schwieriger Weg...

 

Drückt uns die Daumen...

 

 

Dienstag, 05.08.2008

 

Ich mache es kurz, denn das Internet in Ozbekizton (Originalschreibweise) treibt mich sonst in dieser schönen Zeit noch zum Wahnsinn.

Wir waren unverschämt und es scheint zu klappen. Als wir am Donnerstag in Buchara mit dem Zug nach Taschkent starteten, blödelten wir so rum und ich sagte: "wir fahren nach Taschkent und holen uns drei Visum in drei Tagen". Unverschämt deswegen, weil es seit den Unruhen in Tibet weltweit nahezu unmöglich ist, überhaupt nur ein Visum für China zu bekommen. Einzige Chance: eventuell in Taschkent. Dann benötigen wir das tadschikische für den Pamir Highway - auch das soll sehr schwierig sein.

Nach einer durchschwitzten Nacht, mit elf Stunden im Liegewagen, sind wir gegen 7 Uhr 30 an der chinesischen Botschaft. Auf dem Weg dorthin sehe ich Alvaro durch die Strassen rasen. Er ist also schon da. Vor der Botschaft treffen wir noch Stefan Neuner (www.stefanneuner.at) und Andy aus Österreich, der nun zusammen mit Alvaro fährt. Andüs Freundin hatte in Teheran einen schrecklichen Unfall - ich wuensche ihr von hier "gute Besserung!!!" (www.streifzuege.ch).

Jedenfalls erfahren wir an diesem Morgen alles Wichtige um den Visaantrag vorzubereiten.

Kurz vor 12 Uhr sind wir dann bei der tadschikischen Botschaft. Uli und Sabine haben einen "Letter of Invitation" von einer Serviceagentur für jeweils 45 Euro besorgt, für mich war das zu spät. Ich argumentiere mit Händen und Füssen. Appelliere an die Menschlichkeit und habe Glück. Die beiden Damen rufen irgendwo an und geben mir den Hörer. In 10 Minuten will eine Dame mit einem "Letter of Invitation" an der Botschaft sein. Kosten: 35 Euro. Ich willige ein. Nach 30 Minuten ist sie da, aber ohne Letter. Der würde heute nachmittag da sein, kurz bevor wir unsere Visum um 16 Uhr abholen können. Darauf informiere ich sie, dass ich auch dann erst zahle.

Als wir kurz nach 16 Uhr unsere Pässe mit dem darin eingetragenen Visum abholen, vergißt die Dame meinen "Letter of Invititation" zu berechnen.

 

 

Dienstag, 29.07.2008

 

Das Antibiotika schlägt an.

Die Nacht war recht angenehm und ich gehe recht früh zum Frühstück. So gegen 8 Uhr 45 kommt Olin, der Arzt aus dem Krankenhaus. Eigentlich hatte er sich für 10 Uhr angekündigt, also setzt er sich zu mir und wir trinken gemeinsam eine Tasse Schwarztee und unterhalten uns auf englisch.

Danach gehen wir in mein Zimmer damit er mir die Spritze setzen kann. Ich hatte mich schon vorher gefragt, wie er wohl desinfiziert. Tatsächlich hat er daran wohl nicht gedacht. Ist aber auch nicht weiter tragisch. Olin geht kurzerhand nochmal zu einer der Hotelangestellten und kommt mit einer Flasche Wodka zurück...

 

Uli, der Freund von Sabine ist gestern auch eingetroffen und wir fassen nun Donnerstag für unsere Fahrt nach Taschkent ins Auge.

 

 

Montag, 28. Juli 2008

 

So gehts nicht weiter, mußte ich leider gestern abend und heute nacht unter Bauchkrämpfen erkennen. Gestern war nun schon der siebte Tag mit meinen Magen- und Darmbeschwerden und die Krämpfe hatte ich vor 7 Tagen schon mal in dieser unangenehmen Ausprägung.

Es ist also mal wieder an der Zeit zu schwereren Geschützen zu greifen. Antibiotika. Aber die Nacht wird trotzdem zur Tortur. Immerhin kann ich auf meine Nachfrage hin, ein Zimmer mit Klimaanlage bekommen, denn so wie ich schwitze und sowenig wie ich an

Flüssigkeit in mir behalte, trockne ich langsam von innen aus. Ich habe gestern abend auch das Gefühl innerlich zu verdursten.

Heute morgen dann lass ich mir den Weg ins Krankenhaus erklären und bin gegen 9 Uhr dort. Ein nettes usbekisches Mädchen findet einen englischsprachigen Arzt für mich und dann gebe ich eine Urinprobe in eine abgesägte Wasserflasche ab. Ein anderer Arzt tastet meinen Bauch ab, eine Assistentin nimmt Blut.

Wegen meiner krampfartigen Schmerzen bekomme ich sofort ein Schmerzmittel gespritzt, morgen und übermorgen kommt der Arzt in mein Hotel und setzt mir nochmals jeweils eine Injektion. Eigentlich hätte ich das selber machen sollen, aber da fühle ich mich dann doch überfordert. Gemeinsam gehen wir noch zur gegenüberliegenden Apotheke,  wo ich für 10 Dollar in bar Medikamente nach Anweisung meines mich begleitenden Arztes erwerbe. Dann zurück ins Hotel und um 12 Uhr kurz mit Sabine und Uli treffen, wie wir nun weiter vorgehen. Jedenfalls kann ich morgen nicht mit nach Taschkent fahren.

Erst mal muß ich meine Gesundheitsprobleme in Griff bekommen.

 

 

Sonntag, 27. Juli 2008

 

Insgesamt fühle ich mich zwar jeden Tag besser, aber Montezuma meint es noch immer nicht gut mit mir. Kaum das Frühstück beendet, trifft man mich wieder dort, wo der Kaiser zu Fuß hin geht. Ich hoffe nur, daß wenigstens etwas im Körper hängenbleibt. Aber man gewöhnt sich ja fast an alles...

 

Als ich im März losfahren wollte, hatte ich mich doch noch eine Woche um unseren Boxerrüden Gerry kümmern dürfen, da meine Mutter sich bei einem Sturz verletzt hatte. Ich genoß die Woche im Schnee sehr mit ihm.

Doch wenn man zu einer längeren Reise aufbricht und Abschied nimmt, muss man damit rechnen, dass es ein Abschied für immer wird.

Meine Mutter hatte die schwere Aufgabe, ihn nach 8 Jahren mit unzähligen Leiden und Arztbesuchen einschläfern lassen zu müssen. Das war vor nun schon 4 Wochen. Die große Entfernung hat mir geholfen, als ich es telefonisch erfahren habe.

 

 

Samstag, 26. Juli 2008

 

Die Hoffnung stirbt zuletzt...irgendwie wird das zu meinem Lieblingsspruch. Das Leben scheint seine eigenen Gesetzmäßigkeiten zu haben. Ich habe aber das Gefühl, daß dadurch, daß ich mich seit knapp 4 Monaten, eigentlich ohne große Ablenkung, nur auf ein Ziel - das erreichen des Mount Everest - konzentriere, diese Gesetzmäßigkeiten immer besser zu erkennen sind.

Eine dieser Gesetzmäßigkeiten scheint die zu sein, daß immer wenn man sich in einer Sackgasse wähnt, irgendwoher ein Mensch auftaucht und plötzlich gehts weiter... so auch gestern.

Ich komme aus dem Internetcafe, schließe gerade mein Radschloß auf, als ich von Sabine in englisch, aber in unverkennbar deutschem Akzent, angesprochen werde. Sie hatte meinen "Velotraum" vor dem Cafe stehen sehen und fährt selbst die gleiche Marke. Sie ist seit Anfang März mit ihrem Freund Uli von Wien aus Richtung China unterwegs. 

Jedenfalls haben wir uns prächtig unterhalten und dabei festgestellt, daß wir ungefähr die gleiche Route fahren wollen und deswegen nun gemeinsam den Kampf mit den Behörden um die erforderlichen Visas aufnehmen wollen. Für mich bedeutet das, daß ich mich nun doch noch 3,4 Tage in Buchara und danach in Taschkent erholen kann, denn wir warten hier zunächst noch auf Uli, der noch draußen in der Wüste herumradelt, um dann gemeinsam mit dem Zug nach Taschkent zu fahren (7-8 Stunden Fahrtzeit). Der Plan sieht dann so aus, daß ich nicht wie ursprünglich vorgesehen über Kirgistan und den Torugartpass nach Kashgar in China fahren werde, sondern über Tadschikistan (Hauptstadt: Duschanbe) und von dort den traumhaft schönen Pamir-Highway nehmen werde, um über Sary-Tash nach Kashgar zu kommen. Das Geniale am Pamir-Highway ist, dass er auf ca. 3 bis 4.000 Meter Hoehe verläuft und von 5 bis 7.000ern umgeben ist. Er verläuft dabei genau an der Grenze zu Afghanistan und ist nicht ungefährlich. Sucht man auf der falschen Seite der Strasse einen Zeltplatz, kann es sein, daß man keinen mehr benötigt - Tretminen.

 

Links zum Thema Pamir Highway:

 

BR-Online

 

 

Freitag, 25. Juli 2008

 

Nun bin ich seit 117 Tagen unterwegs und habe mehr als 5.000 km hinter mich gebracht. Zeit den Sattel zu wechseln. Denn das Ding löst sich langsam in seine Bestandteile auf. Richtig glücklich war ich nie mit ihm. Zu hart, zu unbequem. Das hat mich letztendlich auch zuviel Kraft gekostet, denn nach ein paar Stunden ging es täglich nur noch im Wechsel zwischen sitzend und stehend (Wiegetritt) weiter. Jedenfalls habe ich mir jetzt auch einen englischen Brooks Ledersattel bestellt, wie ihn die meisten anderen Reiseradler auch fahren. Hoffentlich erreicht er auch Taschkent per DHL. Begleitet wird er von 2.0 Zoll Schwalbe Marathon Reifen - das ist das richtige Kaliber für Tibet.

Heute nachmittag fühle ich mich seit Tagen mal wieder bei Kräften und so werde ich morgen wieder meine kleine Karawanserei verlassen und die gut 300 km nach Samarkand in Angriff nehmen. Dort erwartet mich eine ebenfalls historische alte Stadt aus der Zeit der Karawanen als die Seidenstrasse noch große Bedeutung hatte.

Von Samarkand aus geht es dann in die Hauptstadt Uzbekistans, den Chinesen auf den Zahn fühlen. Ich hoffe zumindest irgendwie 4 Wochen Zeit zu bekommen. Aber das zeigt sich dort...

Ich wünsche Euch ein schönes Wochenende und viel Sonne...apropos...hier ist es so irre heiß, das zwischen 12 Uhr und 15 Uhr das Leben nur im Schatten einigermaßen erträglich ist. Als ich gestern abend mit Schurik, einem Jungunternehmer aus Buchara zu Abend gegessen habe, hat er mir erzählt, daß sie hier letztes Jahr im Sommer 50 Grad hatten und im Winter minus 45...

 

 

Donnerstag, 24. Juli 2008

 

Ja - was soll ich schreiben? Ich fühle mich langsam besser, aber von fit, zum weiterfahren, bin ich noch etwas entfernt. Im Gedärm gluckst es nach wie vor, weitere Details erspare ich euch an dieser Stelle. Der Rückblick entfällt, da das Netz hier so langsam ist, daß es unerträglich wäre weiterzuschreiben...

 

 

Mittwoch, 23. Juli 2008

 

Das Wichtigste vorneweg: Magen und Darm scheinen sich zu stabilisieren. Nun muß ich schauen, daß ich an Geld komme. Ich hatte 800 Dollar für den Iran, Turkmenistan, Uzbekistan und Kirgistan dabei. Ausgelegt für 9 Wochen oder 63 Tage. Aber die Hotelkosten haben mich etwas ins Hintertreffen gebracht. Ihr müßt wissen, laut Fachlektüre gibt es in diesen Ländern keine Möglichkeit an Bargeld zu kommen - hier in Buchara scheint es aber in zwei Hotels zu funktionieren. Mehr Geld wollte ich nicht mitnehmen - denn bei einem Überfall wäre dann im ungünstigsten Fall natürlich auch mehr weg gewesen.

Dann muß ich im Internet nach breiteren Reifen suchen, die mir meine Jungs nach Taschkent schicken sollen, denn mit den dünnen Ballettschühchen, die ich jetzt fahre (1.6 Zoll) lachen die mich im Himalaya aus. Und ich muß mal schauen, wie der aktuelle Status zum Thema Chinavisum ist, das ich mir in ca. 2 Wochen in Taschkent besorgen will. Bilder gibts leider keine, denn die Rechner hier sind dafür zu langsam. Schade.

 

 

Dienstag, 22. Juli 2008

 

Bin mit Montezumas Rache im Gepäck heute morgen gegen 8 Uhr in Buchara (Uzbekistan) eingerollt und macßs deswegen kurz: muss jetzt schauen, daß ich was esse und daß es vor allem drinbleibt...melde mich morgen wieder...

 

 

Samstag, 28. Juni 2008

 

Salam aus Chalus an der Küste des kaspischen Meers. Direkt von Teheran aus gesehen nördlich. Ich mach es kurz, weil ich noch nen Schlafplatz finden muß, die Hotels kann ich langsam nicht mehr zahlen (ich habe noch 650 Dollar und die müssen bis China reichen - Geldautomaten gibt es bis dahin nicht).

Habe heute die 1.000 km im Iran vollgemacht und bin froh, wenn ich von der Küste wegkomme, weil es nahezu unmöglich ist wild zu campen.

Habe ne Menge erlebt, von nächtlichen "Überfällen" schwerbewaffneter Polizisten bis hin zu einer Beherbergung inklusive alkoholischem Schlaftrunk mit Iranern war alles dabei. Die Iraner sind das freundlichste und herzlichste Volk das man sich vorstellen kann! Bin trotzdem froh wenn es die nächsten Tage wieder in die Berge geht.

Freue mich auf Mashad, durchquere dann Turkmenistan und schaue mir auf jeden Fall Buchara, Samarkand und Osh an. Dann werde ich in Usbekistan entscheiden, ob ich von Taschkent aus nach Kathmandu fliege, da ich auf dem Landweg via Tibet wohl nicht zum Everest komme, wegen der Visumbestimmungen.

Es geht mir einfach gut bei soviel netten Menschen und ich schaff am Tag 100 km ohne viel Stress.

 

 

Samstag, 14. Juni 2008

 

Ağri - 135 km vor der iranischen Grenze. Es läuft nach wie vor super, außer daß mein Kocher das türkische Benzin nicht mag und kochen und waschen meist schiefgeht. Was im Augenblick - in der Türkei - immer wieder zu Hotelübernachtungen mit Waschorgien führt. Aus meiner Fachliteratur für Radnomaden weiß ich, daß die Hotels im iran deutlich weniger häufig anzutreffen sein werden und dann muß man sie erst mal finden. Also werde ich langsam immer weniger, fange dann die Tage langsam zu stinken an und kriege so jeden zweiten Tag nen kleinen bis großen Einbruch mangels Kohlehydratzufuhr. Da muß sich was ändern. Fakt ist jedenfalls, dass ich gestern mal wieder die 100 km Marke geknackt habe und dann in einem Steinbruch (!), leicht erhöht über der Strasse, gegen 17 Uhr, ein wirklich perfektes Plätzchen zum übernachten gefunden habe. Mıt einem Panorama rechts und links, dass einem die Augen aus den Höhlen treten könnten! İm HSSTV gab es dann gegen später im Flußbett vor mir noch einen Kuhheimtrieb - das sind für mich mit die genialsten Anblicke auf dieser Reise. Wenn Hundert oder mehr Kühe oder Schafe irgendwo unter Dir von 2,3 Hirten durch die herrliche Landschaft begleitet werden und wir uns zuwinken und alle ein zufriedenes Grinsen auf dem Gesicht haben...einfaches Leben...ohne Worte...nur Du und die Natur...

 

Gegen 5:15 Uhr bin ich von der Sonne geweckt worden, dös dann aber noch ein wenig. Gegen 7 oder 8 bin ich dann losgeradelt. Auch heute zeigt mir die Realität, daß mein İnstinkt gestern rechtzeitig "Feierabend" gemeldet hatte. Es geht nur noch bergauf und gute Lagerplätze sind rar. Gleich zu Beginn des Anstiegs ist wieder eine PKK-Kontrolle. Für Busse und Lastwagen. Aber nicht für Radnomaden. Die werden mal wieder grinsend durchgewunken.

 

Der Anstieg wird lang und zäh. Kurz vor der Passhöhe muß der zweitletzte Not-Energiegriegel dran glauben. War eigentlich für Tibet gedacht, aber so wie es da weiterhin aussieht, muss ich den Teil aus meiner Reise wohl streichen und der Name ist damit auch Makulatur. Wir werden sehen, was nach den olympischen Spielen passiert.

 

Noch 500 endlose Meter. Von weitem sehe ich schon, daß da oben zwei LKWs festhängen. Als ich kurz vor der Stelle bin, höre ich vergebliche Startversuche mit Überbrückungskabel. Dafür sagt der eine LKW-Fahrer zu mir im vorbeifahren: "Mach langsam" - ich lache, ob dem unvermuteten deutschen Ratschlag und antworte:" mach ich ja schon ;-))" und im Wiegetritt bringe ich die letzten Meter hinter mich. Mein bisher höchster Pass auf meiner Reise: 2.290 Meter!

 

Das obligatorische Passfoto wird geschossen, dann streif ich mein Fleecepullover über und ab gehts Richtung Tal. Blöderweise kommt danach nochmal ein saftiger Anstieg. Und ich habe seit gestern mit einer neuen Herausforderung zu tun. Nachdem die anatolischen Hirtenhundbestien seit Sivas wieder Menschenfreundlich dressiert sind, werde ich nun, auf Höhe der immer ärmlicheren Dörfer, von bettelnden Kindern drangsaliert.

 

Die sehen mich schon von weitem und kommen dann bestenfalls allein meist aber in Gruppen, rennen zur Strasse, stellen sich vor mir auf und forden dann "Stopp!" beziehungsweise "Money". Jedes Mal wenn ich also auf ein Dorf zufahre, dasselbe Spiel. Und meistens sind es dann noch Anstiege. Da rennen die Minutenlang hinter oder neben dir her. Und ich hab ja schon mit dem Anstieg zu tun.

 

Also Sonnenbrille auf und "hayir" sagend vorbeiradeln und dann ignorieren. Wobei ich mich nicht umschaue, um souverän und gleichgültig zu wirken. Es gab aber heute auch nen Moment, da hätte es mich nicht gewundert, wenn ich plötzlich am Hinterkopf den Einschlag eines Steins gespürt hätte.

 

Jedenfalls erreiche ich Ağri nach knapp 80 Tageskilometern und quartiere mich im größten Hotel für 45 Lire ein (23 Euro). Aber der Weg dorthin war wieder von für uns schwer vorstellbarer Armut gesäumt. Die Häuser und Straßen sehen aus, wie sie bei uns nach dem Krieg ausgesehen haben müssen. Viele leben schon vor der Stadt in wahren Zeltstädten. Kochen, waschen, leben so. Nicht wie ich zeitweise. Nein. İmmer.

 

Und ich denke, die sehen doch daß ich nur mit dem Rad daherkomm. Nein. Auch ich werde als reicher Tourist enttarnt. Und dem kann ich nicht mal widersprechen.

 

Morgen gehts noch mal auf 2.040 Meter hoch. Aktuell bin ich auf 1.632 Meter. Also a bissle mehr als vom Neckartal auf den Schurwald...für die Esslinger unter den Mitreisenden. Aber hallo - natürlich bei dünnerer Luft...!

 

Insgesamt snd es noch knapp 100 km bis Dogubayazit. Und von dort sind es dann noch 35 km nach Bazargan - dem Grenzdorf in den Iran.

 

 

Donnerstag, 12. Juni 2008

 

Am Dienstag abend bin ich, nach schwerem Kampf mit dem Wind und mir, hier in Erzurum angekommen und wohne mal wieder in einem 25 Euro-die-Nacht-Hotel. Weil ich es verdient habe, wie ich finde ;-)).

 

Morgen versuche ich dann, die letzten 310 km unter die Reifen zu nehmen. Das müßte in 4 Tagen zu schaffen sein. Am 18. Juni werde ich morgens in den İran einreisen.

 


Sonntag, 08. Juni 2008

 

Zwei Übernachtungen in Erzincan - das habe ich gestern entschieden. Die Gründe: ich liege super im Zeitplan, die Stadt liegt herrlich umgeben von Bergen, das İnternetcafe ist luftig und sonnig, ich habe eine Menge Bilder, die ich Euch nicht vorenthalten will und...heute abend spielt DEUTSCHLAND !!!

Ach ja - und das Frühstück samt Aussicht schreit nach Wiederholung ;-))...

 

 

 

 

Samstag, 07. Juni 2008

 

Hurra! Ich bin schon in Erzincan! Heute angekommen. War aber noch mal ne schwere Prüfung, die man mir da heute auf dem Weg über den 2.200 Hm hohen Pass gestellt hat. Auf der Fahrt nach oben wird langsam aber sicher alles grauschwarz um mich rum, ich zieh gerade noch rechtzeitig meine Regenklamotten an und dann gehts auch schon los - mit dem "Kreis-Hagel-Gewitter". "Kreis-" weil das Unwetter gut ne Stunde über mir gekreist ist und alles gegeben hat um mich zu aergern. Habe zweimal mein Pferd einfach stehen bzw. liegen lassen und hab mich vom Acker gemacht, weil die Gefahr dass mich der Blitz trifft einfach mit Pferd zu gross war. Beim zweiten Mal habe ich mich dann einfach hingekauert und gewartet bis der Hagel und der Regen nachlaesst. Und dann wieder das Ungaubliche: auf der Passhöhe eine kleine Bude mit nem alten Mann, zwei Fernfahrern und zwei reisenden Mechanikern und ich - patschnass, durchgefroren. Als ich mein nasses Fleece und mein Hemd darunter ausgezogen hatte, hiess ich nur noch "Rambo" :-))). Mach Rambo noch nen Çay, mach Rambo Ekmek (Essen) - es wurden 2 oder 3 leckere, witzige, aber auch weiterhin kalte Stunden - denn die haben die Tür nicht zugemacht. Als es dann mit dem Regnen langsam nachliess und aufklarte, habe ich meine Gesichtsmaske angezogen und 2 Schichten Kleidung und habe dann die 20 km Abfahrt genossen. Die letzten 10 km waren ein Kinderspiel...

 

 

Samstag, 31. Mai 2008

 

An der ersten Tankstelle frühstücke ich. Orangensaft aus der Dose und eine Packung Kekse. Der Tankwart hat auch schon in Deutschland gearbeitet. Dann lass ich meine Primuskochbenzinflasche mit bleifreiem Benzin betanken. 0,75 Liter. 

 

Gestartet bin ich heute gegen kurz nach 7 Uhr. Nach den ersten 30 km entschließe ich mich meinen Kocher anzuwerfen, um heißes Wasser zum Wäsche waschen zu produzieren. Strahlend blauer Himmel und die beginnende Hitze lassen mich an einer wunderbar gefliessten Wasserstelle relativ kalt.

Leider wird das Wasser erhitzen zum mehrstündigen Drama. Am Ende habe ich zwar gewaschen und Nudeln erhitzt, gekocht wäre aber übertrieben. Ich esse die Pampe trotzdem. Einbildung schafft Geschmack.

 

Nach gut 3 Stunden gehts weiter. Ich liege gut in der Zeit. Die Gegend wird einsam, heiß und nimmt riesige Dimensionen an. Erinnerungen an Namibia werden in mir wach. Vielleicht lege ich mich deshalb auch hier auf die Straße und mache ein Foto vom Mittelstreifen der Fahrbahn aus. Gegen 14 Uhr sehe ich zum ersten Mal mehrere Zelte links der Fahrbahn. Rechts auf den Feldern befinden sich viele Menschen bei der Landarbeit. Als ich näher dran bin, sehe ich selbstgebaute Zelte, Wäscheleinen, Feuerstellen, "Toilettenhäuschen" und vereinzelte Autos. Bei meiner Mittagspause im Dorf erfahre ich bei Çay und belegtem Wurstbrot daß es sich um Wanderarbeiter und ihre Familien handelt. Eindrucksvoll wie die leben! Ein Gefühl der Verbundenheit wird in mir wach.

 

Kurz vor Yerköy höre ich mal wieder einen Traktor hinter mir. Die beidem Jungs auf dem Bock quatschen mich beim vorbeifahren an und lachen. Es sind lustige Kerle und wir blödeln miteinander. Ich will mich ranhängen, laßes dann aber, als mir einfällt was den "Radnomaden" bei gleichem Anlass passiert war. Es ist einfach zu gefährlich. Die Jungs lachen sich über mich und mein bescheuert langsames Fahrzeug kaputt. Okay. Ich mach einen Zwischenspurt und laß die Großmäuler staunend zurück. Eine ganze Weile haben sie damit zu tun, zu mir aufzuschliessen.

 

Als ich an der nächsten Raststätte einen Çay trinke, sehen wir uns wieder und winken uns lachend zu.

 

Zeit einen Schlafplatz zu suchen.

 

Während ich eine längere Steigung hochkurble, sehe ich an deren Ende so etwas wie einen Steinbruch. Als ich oben bin, fahre ich an ihm vorbei, noch ein Stück weiter um zu sehen was nach der Kuppe kommt. Eine Abfahrt und links eine Tankstelle. Gut. Da kann ich dann gleich morgen früh Wasser kaufen. Ich rolle zurück, fahre 30 Meter runter und biege schnell in den Steinbruch ab. Schnell, damit mich keiner sieht. Das ist so eine Regel. Entweder so zelten, daß Dich jeder sieht oder so daß Dich keiner sieht. Die zweite Vorgehensweise ist mir persönlich lieber. Schon beim reinfahren sehe ich links hinter einem Vorsprung ein schönes flaches Stück. Das könnte passen. Über dem Steinbruch thronen riesige Funkantennen. Wegen der Strahlung ist das nicht gerade die erste Wahl. Ich fahre weiter hoch. Eine Kurve über meinem Platz ist ein deutlich größere Fläche. Aber ich sehe auch Reifenspuren, Feuerstellen und etwas Müll. Klar, der ideale Platz nachts eine Party zu zweit oder zu mehreren zu feiern. Nichts für mich.

 

Also der Platz unten. Ich schiebe das Rad zu der Stelle, die ich für am besten halte. Da! Vor meinem rechten Fuß! Was ist denn das? Ich glaub es nicht! Eine Schildkröte! Ob das klargeht mit meinem Plan hier zu zelten? Kein Kommentar. Sie zieht ihren Kopf ein. Verständlich.

 

Ein Stück weiter breite ich meine Zeltunterlagsplane aus und wasche mich, zieh die Radklamotten aus und sonn mich noch ein bisschen. Ich habe mir angewöhnt an nicht ganz so sicheren oder einsamen Plätzen erst mal einen auf Pause zu machen.

Falls es wider Erwarten nämlich ein häufig frequentierter Fleck ist, kann ich immer noch aufstehen und singen "die Karawane zieht weiter..."

Wenn es dann dämmert - ruckzuck ist das Zelt aufgebaut und der Platz mein.

 

Nach einer Stunde dösen trifft mich schier der Schlag. Ein Auto kommt in den Steinbruch. Verdammt. Entdeckt. Das mag ich nicht.

Ein Typ. Er fährt aufs große Plateau hoch. Na prima. Nach 5 Minuten kommt er wieder runtergetuckert und fährt grinsend an mir vorbei. Na Super. Und was bedeutet das jetzt?

 

Es ist zu spät um weiter nach einem Alternativplatz zu suchen. Also Zelt aufbauen. Die eine Seite des Aussenzeltes lasse ich seit ein paar Nächten offen, da ich immer noch nachts an Geräuschen aufwache. Und wenn Du dann blind wie ein Maulwurf in Deinem Zelt nur vermuten kannst, was draußen auf Dich wartet - nee, damit komm ich nicht mehr klar.

 

Lieber sehenden Auges ins Verderben als blind gefangen.

 

Es wird eine fantastische Dämmerung. Und als ich so durch das Fliegengitter meines Innenzeltes in die werdende Nacht hinausstarre, da denke ich plötzlich ich schaue Jurassic Park 4! Was kommt denn da Riesiges auf mich und mein Zelt zugeflogen. Die Schwingen werden größer...was für ein Schnabel...wow - ein Storch zieht kurz vor dem Zelt hoch!!!

 

Es muß gegen 22 Uhr sein. Ich schlafe ein.

 

Gegen 1 Uhr wache ich auf. Die Straße ist so nahe, daß ich mir bis zuletzt nicht sicher bin, ob das Auto die Straße runterfährt oder doch in den Steinbruch abgebogen ist. Die hellen Scheinwerfer, die kurz darauf mein Zelt streifen, beseitigen die letzten Zweifel. Ich bekomme Besuch. Oder der Steinbruch.

 

Das Auto fährt hoch zum Plateau.

 

Mein Messer liegt nachts immer offen und griffbereit neben meinem Kopf. Daneben liegt das Pfefferspray. Ich warte ab und verhalte mich ruhig. Öffne den Zelteingang und spähe hinaus. Horche hoch zum Plateau. Ziehe mich wieder zurück ins Zelt. Kurze Zeit später meine ich Schritte zu hören. Ich halte den Atem an. Höre mein Herz schlagen.

 

So geht dass dann gut 2 Stunden. Ich wage nicht rauszugehen, denn wenn ich den Kopf aus dem Zelt stecke, kann ich schon eins über der Rübe haben. Die draußen wissen nicht ob ich alleine bin, solange ich im Zelt bleibe, denke ich. Es werden zwei ekelhaft lange und ungewisse Stunden. Das Auto fährt nicht raus und ich liege lauschend im Zelt. Irgendwann bin ich so mürbe, dass ich denke, wenn ihr was wollt, müßt ihr schon anklopfen oder reinkommen. Mit diesem Gedanken schlafe ich ein. Als es hell wird, im Steinbruch, ist der ganze Spuk vorbei.

 

Seit dieser Nacht schlafe ich deutlich entspannter...

 

 

 

Freitag, 30. Mai 2008.

 

Die Warterei hat ein Ende. Ich habe das Iran-Visum und die jeweiligen Stempel für die drei "-stan-Laender" (Turkmenistan, Uzbekistan und Kirgistan). Gegen 9 Uhr packe ich mein Reiserad mit den Packtaschen voll.

Alles was an Personal da ist, verabschiedet mich vor dem Hotel.

İst schon komisch nach 18 Tagen wieder weiterzufahren. Habe ja praktisch dort gewohnt und war irgendwie ein Teil des Hotelinventars geworden.

Jeder kannte mich zumindest vom sehen und ich glaube, es hätte sich keiner gewundert, wenn ich eines Tages "Türk Çiçek" gewesen wäre und für immer geblieben wäre. "Çiçek" heisst "Blume" auf türkisch.

Vor meiner Reise, konnte ich mir nie vorstellen, irgendwo im Ausland neu anzufangen, aber nach ein paar Tagen gewöhnt man sich an das neue Umfeld, man weiß was man ißt und trinkt, wo man einkauft, man kann sich verständigen, lernt langsam die Sprache...

 

Einer der netten Servicekräfte schüttet mir noch eine Flasche Wasser hinterher, das bringt dem Reisenden Glück, sagt man in der Türkei und ich kann zwischenzeitlich nichts Gegenteiliges behaupten ;-)).

 

Mr. Bean fährt also los. Und merkt nach 1 km, daß er die Sonnencreme (Faktor 40) wohl im Hotelzimmer vergessen hat.

Umkehren? Nein!

Der Verkehr und die drohende Wiederholung des Verabschiedungsdramas sprechen deutlich dagegen.

Eczane. Eczane? Wie oft habe ich dieses Wort gelesen und mich nie dafür interessiert was sich dahinter verbirgt. Nun muss es mich interessieren. Ich brauche Sonnenmilch. Und die Eczane-Laeden sehen aus, wie wenn es da was für Frauen gibt. Und die schmieren und machen und tun ja für gewöhnlich heftigst mit dem ganzen Zeug rum. Also sollte ich einen Blick riskieren.

Bingo! Eczane = Apotheke. Hier bekomme ich eine Sonnenmilch mit Faktor 30. Immerhin. Das ging ja zackig. İch fahre ins Zentrum von Ankara und hoffe nach dem durchqueren desselbigen, die von Ankara wegführende "200" zu finden. Immer wieder habe ich mir die letzten Tage Gedanken gemacht, wie ich am besten zur "200" komme. Und es klappt. Einmal frage ich einen Taxifahrer. Aber nur zur Bestätigung meiner vermuteten Richtung. Besser und schneller als gehofft, finde ich "meine" Strasse und lasse die Stadt langsam hinter mir.

Ich komme an Vorstädten vorbei, die wie vielerorts eher dörflichen Charakter haben. Ich halte an und fotografiere Teile davon. Dabei höre ich immer wieder Rufe. İch wundere mich, aber es hört nicht auf. Irgendwann drehe ich mich um und sehe gegenüber ein großes Militärgelände. Am Wachtor steht ein Soldat - Luftlinie 100 Meter - und gibt mir unmissverständlich zu verstehen, daß ich das fotografieren zu unterlassen habe!

Toll. Fotos vom "künstlichen" Stadtzentrum ja, vom richtigen Leben - Nein.

Wir leben schon in einer eigenartigen Welt. Merkt das eigentlich noch Jemand?

 

Bei einem anderen Fotostop kommt ein Straßenarbeiter auf mich zu und spricht mich an. Woher ich komme? Aus Deutschland! Er hat eine Zeit lang in Nürnberg gelebt und gearbeitet. Je länger man in der Türkei unterwegs ist, umso mehr bekommt man das Gefühl, daß wohl in jedem Dorf mindestens Einer schon in Deutschland gearbeitet hat oder jemanden kennt oder in der Verwandtschaft hat, der bei uns als Gastarbeiter war oder ist. Vielleicht mit ein Grund für die unheimliche große Gastfreundschaft Reisenden wie mir gegenüber.

 

Es macht Spaß wieder unterwegs zu sein. Auf der Straße. Neues zu sehen, zu riechen, zu hören. Bin ja auch prima ausgeruht und habe ein klares und machbares Ziel vor Augen. 17 Tage bis zur iranischen Grenze. Deswegen gebe ich auch richtig Gas. Das mache ich immer so am ersten Tag. Vorsprung rausfahren. Sicherheitszeitpolster. Mit 75 km im Schnitt würde ich weiterhin gut hinkommen. An diesem Tag schaffe ich mal wieder mehr als 100 km. Dann finde ich meinen Platz für die Nacht. 50 Meter von der Straße weg. Neben einem "Geisterhaus". Die läßt man hier in der Türkei einfach stehen. Auf der Westseite wasche ich mich und versuche zu kochen, doch das Benzin ist leer. Also Sonnenuntergang ohne warmes Essen. Nachdem die Sonne vom Horizont verschluckt ist, wechsel ich rüber zur Ostseite und baue dort mein Zelt auf. Das hat den Vorteil, daß mich die Auto- und LKW-Fahrer erst sehen, wenn sie schon fast vorbei sind. Die auf der Gegenfahrbahn können nicht zu mir rüber, da die Fahrbahnen getrennt sind. Und wenn es dunkel ist, sieht mich sowieso keiner mehr. Ja, über sowas sollte man sich schon etwas Gedanken machen. Man weiß nie wo der Feind herkommt.

 

Nachdem das Zelt aufgebaut ist, kommt alles bis auf die große Packtasche ins Zelt. Das Rad schließe ich dann mit einem massiven Schloß an die Packtasche und lege beide zusammen Luftlinie 2 Meter vom Zelteingang hin.

 

Ich schaue in den dunkelblauer werdenden Himmel und sehe mit einem Mal zwei alte Bekannte, die aus dem Geisterhaus kommen und sich gegenseitig jagen!!!

Fledermäuse!

Das Programm scheint heute einen besonderen Leckerbissen bereit zu halten.

 

 


Donnerstag, 29. Mai 2008

 

17:01 Uhr - es ist vollbracht - ich bekomme meinen Reisepass mit dem turkmenischen Visum.

Morgen verlasse ich Ankara...

 

Gestern bin ich schön früh zu Bett gegangen und heute morgen bin ich endlich topfit. Wahrscheinlich weil ich weiß, daß es heute endlich weitergeht.

 

Gegen 8 Uhr 30 rufe ich mir ein Taksi und so bin ich überpünktlich gegen 8 Uhr 49 vor der Turkmenistan Botschaft. Punkt 9 Uhr klingel ich und werde rein gelassen. Der Unfreundliche, der nie englisch spricht, ist da. Na dann... Er erkennt mich sofort, verlangt nach meinem Reisepass und schon habe ich die Bankverbindung auf einen Zettel gekritzelt in der Hand. Heute bin ich mit 51 Dollar dabei. Ein Schnäppchen zum Abschluss.

 

Nichts wie raus, Taksi rufen, Bank ansteuern und nach getätigter Einzahlung zurück zur Botschaft. Wieder komme ich gleich rein und bin der Einzige. Ich gebe ihm den Einzahlungsbeleg und er gibt mir...!?...die Information - "tomorrow".

 

..ich denk, ich bin im falschen Film!!!

Was ist denn das für eine Ansage???

 

"Today!" - kommt es aus meinem Mund, wie aus der Pistole geschossen...

"Aeh, today after 5 pm or better at 6 pm..." - antwortet er...

 

Was sind das für Pappnasen! Wollen von mir auf den Tag genau wissen, wann ich die 3.200 km mit dem Rad gedenke geschafft zu haben, damit Sie mich gebührend an der Grenze empfangen können und dann brauchen sie 8 Tage für die Visumsprozedur und heute klauen sie mir noch einen Tag...!!! So geht man doch nicht mit zahlender Kundschaft um, meine Herren. Also so kann ich Euer großes, ödes Stück Wüstentransitstrecke nicht vorbehaltslos weiterempfehlen...

 

Ich verlasse die Botschaft...irgendwann wirds langweilig sich über solche Kappen aufzuregen. Passiert mir eh kaum noch auf dieser Reise. Komm ich heute net - komm ich morgen. Ich habe ja genug von dem Luxus "Zeit" mit eingepackt...

 

Im Hotel fällt mir ein, dass die Jungs nur bis 17 Uhr offen haben. Also wird Charles Bronson sein Taksi gegen 16 Uhr rufen. Ab 18 Uhr solltet ihr dann Nachrichten hören. "Aus aller Welt" - oder so. Falls ich rot sehen werde...

 

 

Mittwoch, 28. Mai 2008

 

Heute morgen geht es mir wieder richtig gut. Klar im Kopf. Bereit zum Aufbruch. Aber das geht erst morgen. Frühstück mache ich auf dem Bett sitzend. Es gibt eine recht saure Orange. Trotzdem bin ich gut drauf. Jetzt noch gemütlich Gehirnjogging, denke ich und dann ins Internetcafe...

 

Mr. Bean stellt seinen Tagesrucksack zusammen. Öffnet seinen Geldbeutel und...

...die gute Laune verfliegt schlagartig. Jetzt nur keine Panik. Habe ich gestern schon damit angefangen meine Kreditkarte zu verstecken? Weil ich sie in Ankara nicht mehr benötige? Kann nicht sein. Die Antworten aus dem Forum wollte ich doch abwarten, denn wenn ich doch noch Geld abheben muß, dann in Ankara.

 

Der andere Geldbeutel! Nein, auch hier ist sie nicht. Ich durchsuche meine komplette Ausrüstung. Nichts. Wo hatte ich sie zuletzt? Am Bankautomat. Dann bin ich in die Bank. Dann in die Wechselstube, danach ins Hotel.

 

Was muss ich tun?

Lass ich die Karte sperren, finde ich sie anschließend. Wäre nicht das erste Mal.

Was kann jemand damit tun?

Einkaufen und Unterschrift fälschen. Risiko ? 2.000 Euro. Mehr beträgt Gutaben und Kreditlinie nicht.

Habe ich sie vor lauter türkischen Lira im Bankomat vergessen? Auch das wäre nicht das erste Mal.

Also "Banken-Downhill"!!! ssssssssssssssssssssssssst und ich bin dort.

 

Rein in die Bank.

 

"Hello :-)) - do you speak english?"

"Yes."

"Yes? Wonderful :-))) - Two days ago i took money with my kreditcard by the ATM outside and... "

"whats your name?"

 

Whats your name ?????? Das heißt...das bedeutet...die haben...

 

"Dirk Blume"

Ein Lächeln nimmt mir die letzten Zweifel und ein paar Minuten später hat Gustav Gans seine Kreditkarte wieder.

 

İm Cafe habe ich 2 positive Antworten aus dem Forum. Sollte ich nach China reinkommen, dann komme ich auch in Kasghar an Bares ran.

 

Alles wird gut...

 

Und deswegen heißt es jetzt auch Abschied nehmen...

 

Wenn morgen nix mehr schief geht, habe ich um 9 Uhr mein Turkmenistan-Visum.

Dann gehts sofort mit dem Taksi zurück ins Hotel, wo mein gesatteltes Pferd schon auf mich warten wird.

Irgendwann kurz vor Mittag werde ich ihm die Sporen geben und vom Hof reiten.

 

Macht Euch keine Sorgen, denn ihr werdet jetzt unter Umständen 2-3 Wochen nichts mehr von mir hören...

 

 

Dienstag, 27. Mai 2008

 

Vormittags beantworte ich wieder eMails, recherchiere im Radforum wegen Geldautomaten in Kashgar und pflege die Webseite.

Am Ende stelle ich eine Frage bezüglich der Geldabhebemöglichkeiten ins Forum und hoffe, daß ich bis Mittwoch vormittag eine Antwort habe. Denn ich möchte ungern jetzt auch noch 1.000 Dollar für die Triaden mit mir rumschleppen und am Ende komme ich gar nicht nach China rein.

 

Mittags verschlinge ich mein Buch "Sie belieben wohl zu scherzen, Mr. Feynman" und dabei denke ich, dass ich daheim dieses Buch immer wieder in die Hand genommen habe und nicht von der Stelle gekommen bin - ich hatte den Kopf nicht frei - jetzt unterwegs benötige ich 2 Nachmittage und bin durch...

 

Abends entschliesse ich mich nochmals im Hotel zu schlemmen: Salat und Köfte für umgerechnet 3 Euro...

 

Dann schaue ich mich noch in den Geschäften in der näheren Umgebung um und ergattere doch noch eine Dose Öl für mein Reiserad, Orangen, Nektarinen, Bananen, Vollkornbrot, Thunfisch und Käse für mich und den letzten Tag in Ankara.

 

 

Montag, 26. Mai 2008

 

Gegen 6 Uhr wache ich das erste Mal auf, schlafe dann aber bis ca. 9 Uhr weiter. Danach fühl ich mich immer noch nicht fit. Es fällt mir unheimlich schwer aufzustehen, ich fühle mich mal wieder wie ferngesteuert. Wie wenn ich 2 Gehirne hätte. Denkt das eine "aufstehen", schafft es das andere sofort die Gedanken abschweifen zu lassen, sodass man das aufstehen vergisst. Hört sich gut an, oder? Der Trick beteht dann darin, zu versuchen nicht weiterzudenken und aufzustehen. Früher oder später klappts....

 

Heute muss ich mich unbedingt um meine Reisedollars für den Iran, Turkmenistan, Uzbeskistan und Kirgistan kümmern. Ich schlage nochmal im Weltradführer nach, oder zumindest was davon übrig geblieben ist, denn ich habe in Griechenland alle Seiten der Länder herausgetrennt, dich ich auf meiner Reise nicht durchfahren werde. Und das sind natürlich die meisten auf der Welt. Das hat mir ein paar hundert Seiten gespart und damit Gewicht. Das Buch ist damit natürlich als solches kaum noch zu erkennen...

 

Der Weltradführer bestätigt mich. In allen oben genannten Ländern ist der Dollar die Reisewährung.

Dann überschlage ich großzügig, wieviel Dollar ich täglich im Schnitt benötige und multiplizier das Ganze mit der Anzahl der Tage, die ich für die einzelnen Länder benötigen werde.

 

 

Land km   von   bis Tage
Türkei 1.159   29.05.   14.06. 17
İran 2.133   15.06.   12.07. 28
Turkmenistan      500   15.07.   19.07. 5
Uzbekistan 1.110   20.07.   05.08. 15
Kirgistan 1.000   06.08.   31.08. 26
  5.902         91

 

 

 

Die Türkeitage abgezogen, bin ich grob geschätzt 75 Tage im Iran und den

-stan-Ländern unterwegs. Dabei rechne ich im Schnitt 75 km pro Tag, das habe ich bisher auch geschafft und im İran geht es erst gegen Ende in die Berge, dazwischen ist die Abfahrt zum kaukasischen Meer und da gehts dann auch hunderte von Kilometern an der Küste entlang - also wenig Steigung. Machbar, Herr Nachbar ;-)).

Mit 10 Dollar pro Tag kann ich essen und trinken soviel ich will, das größere Problem wird sein, das essen nicht zu vergessen - gell Mr. Bean...

 

Also 800 Dollar. China muss ich gesondert betrachten, da sich an der Einreisesituation nichts geändert hat. Derzeit kommt man nicht rein. Und das soll sich bis zum Ende der olympischen Spiele auch nicht ändern. Oder genauer gesagt: man kommt rein, wenn man sich ein Ein- und Ausflugticket mit Hotelreservierungen besorgt, dann das Ticket und die Reservierungen in Deutschland (!) beim chinesischen Konsulat vorlegt. Aber auch dann gibts nur 30 Tage - ich brauch aber 90. Ach ja, die Flugtickets und die Hotelreservierungen storniert man nach Erhalt des Visums wieder.

Ja - gehts noch ???

 

In der Ruhe liegt die Kraft und die Hoffnung stirbt zuletzt. Ich fahre bis es nicht mehr weiter geht und dann wird es schon irgendwie weitergehen. Logisch, oder?

 

Nun fahr ich erst mal zu einer HSBC Bank. Am außen angebrachten ATM ziehe ich 1.000 türkische Lira. Mit dem Packen buntes Papier betrete ich die Bank. Doch die verkaufen mir keine Dollars, wenn ich kein Konto bei denen habe. 200 Meter weiter sei eine Wechselstube, dort bekomme ich Dollars. Als reite ich zur Wechselstube. Sieht gut aus. Ich lege die 1.000 Lira auf den Tresen und äußere meinen exakten Wunsch, wobei mir ein neben mir stehender, englisch sprechender Geschäftsmann hilft: ich benötige Dollars, in möglichst kleinen, neuen Scheinen.

Sagt man das nicht auch bei einem Bankraub? Oder war es die Entführung? Egal.

 

Am Ende bekomme ich 20 x 20 Dollars, 30 x 10 Dollars und 20 x 5 Dollars. Also wieder ein nettes Päckchen. Sofort geht es zurück zum Hotel. Nun kommt der interessante Aspekt. Wo verstecke ich die Kohle, falls ich überfallen werde? Das Ganze ist deshalb ein Thema, weil man in den nächsten 4 Ländern sehr selten Geldautomaten oder Banken findet. Und daß man deswegen als Radler seine ganz Kohle spazieren fährt wissen wiederum Räuber Hotzenplotz und seine Bande...

 

Woher ich das weiß? Aus dem Weltradführer für Radnomaden...

 

An der Hotelrezeption werde ich schon erwartet. DHL hat mir ein Paket gebracht!!!

Drinnen finde ich was ich mir gewünscht habe: meine Kauderwelschsprachführer Persisch (Farsi), Russisch und Usbekisch. Außerdem hat sich mein Freund Uwe selbstlos von seinen Schraubgriffen seines Transition Preston getrennt. Mein rechter Lenkergriff hat nämlich von Anfang an gewackelt wie ein Kuhschwanz - oder besser gesagt: er ließ sich drehen wie der Gasgriff eines Mopeds. Und wenn man bei einer Abfahrt statt des Lenkers nur noch den Griff in der Hand hat, dann wird´,s blutig Mr. Bean. Und dann war da noch eines meiner noch ungelesenen Bücher aus meiner bei Uwe deponierten Bücherkiste dabei. Und glaubt es oder glaubt es nicht. Ich habe gesagt "greif einfach rein" und was schicken sie mir? Genau das Buch an das ich gedacht hatte...!!! 

 

 

Sonntag, 25. Mai 2008

 

Es wird Zeit, daß es wieder auf die Straße geht. Ich schlafe lange und viel, mach mittags auch noch ein Nickerchen und bin demzufolge eigentlich topfit.

 

Abends in der Lobby flachs ich wieder viel mit dem sehr jungen Personal und plötzlich bin ich nicht mehr Dirk Çiçek (=türkisch für Blume...) sondern Dirk Kaktus. Hauptsache die haben alle etwas zu lachen...

Gegen 24 Uhr verabschiede ich mich Richtung Koje, werde aber von Tolga und den Jungs für Mittwochabend eingeladen, doch mit zum Clubabend des Käferclubs Ankara mitzugehen.

 

 

Samstag, 24. Mai 2008

 

http://www.jimdo.com - das ist eine Internetlösung zur Erstellung von Webseiten für wirklich Jedermann. Mr. Bean, als mittlerweile total überzeugter Apple iMac Benutzer, ist da ja sehr kritisch, was Bedienerfreundlichkeit angeht. Ich will ja nicht erst mal ein IT-Studium absolvieren, nur um einem Computer ein paar Resultate zu entlocken.

 

Unglaublich aber wahr - die Webseite war das Letzte was ich machen wollte. Nur wenn wirklich Zeit übrig wäre...

...

was für ein Unsatz, oder habt ihr am Ende des Tages irgendwo noch so ein kleines Häufchen übrig gebliebene Zeit entdeckt, es in ein Tütchen gepackt und es bei Bedarf wieder rausgeholt ? 

 

Wochenlang habe ich mich immer wieder bei Kollegen, Exkollegen, Bekannten und Freunden umgehört, wie man so etwas macht und mit welcher Software, bei welchem Anbieter man die Seite speichert und was der Spaß kostet.

 

Letztendlich hat mir mein Freund Peter Ottiger aus der Schweiz, den entscheidenden Tip gegeben. Er hatte die schöne Aufgabe, relativ schnell, eine schöne Seite für seinen Kletterverein zu erstellen.

Mit Erfolg wie man sieht: http://www.kletterhalle-eldorado.com/index.php

 

Bei meinem Layout habe ich mich dabei stark von ihm ınspirieren lassen... 

Jedenfalls habe ich mich dann kurz vor der Abreise, Samstags abends hingesetzt und irgendwann nach Mitternacht war der Aufbau der Webseite einigermaßen klar. Das Erscheinungsbild hatte ich ausgewählt und nach und nach hatte ich İdeen welche Videos aus www.youtube.com dazu passen könnten.

 

Nach gut 5 Tagen war meine Internetpräsenz fertiggestellt. Und das sehr einfach und mit viel Spaß.

 

Warum ich Euch das hier erkläre? Weil die ganze Sache kostenlos ist!!! Gut, wenn man eine spezielle, eigene, einprägsame Internetadresse möchte, wie mein "tibetblume" zum Beispiel - dann kostet das pro Monat ein paar Euronen, aber dafür gibt es dann auch ein paar schöne zusätzliche Funktionen.

 

Nach dem Frühstück setze ich mir gerne noch für ein Stündchen in die Lobby, plauder ein wenig mit dem Personal - ja, da arbeiten halt hauptsächlich Frauen - und teste den wahren Wachzustand meiner Schaltzentrale mit 3,4 Sudokus. Da merk ich dann schnell ob Mr. Bean oder der Tibetblume auf dem Sofa sitzt. İch möcht ja nicht irgendwann vom Laster überfahren werden, nur weil der Körper radelt, das Hirn aber noch im Bett liegt...

 

Eines der Mädels, Hilal, bringt mir dann auch gleich ungefragt einen Çay, wobei Sie wieder unwiderstehlich zauberhaft lächelt und "afiyet ol-sun" wünscht - auf deutsch: "wohl bekomms - guten Appetit".

 

Schnell ist ihr klar, daß ich den Spruch noch immer nicht kann. Also sagt sie ihn mir nochmal vor. Ich versuche zu widerholen. Nein, die Aussprache stimmt noch nicht ganz. Hilal setzt sich mir gegenüber und greift ungeniert nach meinem Kauderwelsch-Sprachführer Türkisch http://reisebuch.de/specials/kauderwelsch/tuerkisch-201.html und da ich von einem Gespräch mit ihr von vor ein paar Tagen weiß, daß sie deutsch lernen will, verbringen wir die nächsten knapp 2 Stunden damit uns gegenseitig ein paar Fetzen unserer Sprache beizubringen. Im Zweifelsfall helfen vorbeilaufende Kollegen, ihr Chef oder andere, in der Lobby sitzende türkische Gäste.

 

 

Freitag, 23. Mai 2008

 

Unverhofft kommt oft...als ich am Donnerstag abend noch ein wenig in der Hotellobby saß und meinen Çay schlürfte- oder war es ne Coke Zero ? - jedenfalls hat sich da die nette Assistentin des Hotelmanagers und der Manager der gegenüber liegenden und zum Hotel gehörenden Fachschule für das Hotel- und Gaststättengewerbe zu mir gesetzt. Dann kam noch der Rezeptionist dazu, der englisch spricht und dann immer den Übersetzer spielt. Jedenfalls hat der Schulmanager auch Wind von meiner Existenz bekommen und hat mich für Freitag morgen zu einem Schulpicknick außerhalb von Ankara eingeladen. Für Essen und Trinken sei auch gesorgt.

 

Oh! Gerade gab es ein unangenehmes Geräusch am Eingang des Internetcafes, in dem ich gerade sitze...ein Cafe-Mitarbeiter hat beim rückwärts einparken meinen Velotraum gegen die Glasscheibe gedrückt. Ich hoffe mein Pferd trägt keine bleibenden Schäden davon...

 

Zurück zu besagtem Picknick. Ich bin also heute morgen gegen 8.45 Uhr in der Lobby, gewünscht war 9 Uhr - aber der Deutsche schlummert halt noch in mir...

 

Türkisch gemütlich geht man die Sache an. Die Oberlehrerin begrüßt mich und vergewissert sich, daß ich heute nicht aus der Reihe tanze, was ich ihr gerne bestätige.

 

Die Busse rollen nach und nach auf den Hof, mehr als hundert Schüler im besten Flegelalter so zwischen 14 und 16 toben herum. Der Hotelmanager begrüsst mich im feinsten Zwirn, Lehrer stehen bei ihm, Hotelmitarbeiter gesellen sich dazu. Dann bringt man uns Çay und wir diskutieren in der Sonne vor dem Hotel über das für und wider eines türkischen EU-Beitritts, man will von mir eine Einschätzung der Preise gegenüber Deutschland bekommen, die Religionen kommen ins Spiel. Wir "verstehen" uns jedenfalls trotz Sprachbarrieren.

 

Dann müssen die Schüler in mehreren Reihen antreten und anschließend werden die Busse gestürmt. Ich fahre mit zwei sehr sympathischen Lehrern in einem PKW. Nach kurzer Zeit verlassen wir Ankara Richtung Süden und erreichen nach insgesamt 5 Kilometern ein großes, eingezäuntes, künstlich geschaffenes Parkgelände mit großem Parkplatz.

 

Wir drei schlendern auf der Suche nach den Schülern über Wege und Rasenflächen bis wir die ganze Meute nach kurz Zeit finden. Decken sind schon ausgebreitet, alle suchen sich ein schattiges Plätzchen, Einige spielen bereits Fussball oder lassen Drachen steigen. Planvoll, wie Mr. Bean nunmal denkt zu sein, hat er eine große Zeltplane zum darauf sitzen mitgenommen. Wäre da nur nicht dieser Bericht vor ein paar Tagen in den türkischen Nachrichten gewesen. Was fällt uns denn zum Thema "im Gras sitzen" ein? Klitzekleine Tiere, die anscheinend bevorzugt an mir knabbern.

Die beiden Lehrer nehmen meine Einladung auf die Plane gerne an, nur bevorzugen Sie ein Schattenplätzchen. Und dort wächst das Gras so hoch, daß ich nicht weiß, wieviele dieser kleinen Tierchen geifernd meine Ankunft feiern. Nicht mit mıir. Lieber verkohle ich mir meinen Kopf in der prallen Sonne. Da weiß ich wenigstens wo der Gegner steht. Und es geht fair zu: 1 gegen 1. Ich gegen den Planeten.

Und so machen wir es dann. Die Lehrer im Schatten, ich unter dem Stern.

 

Kaum haben wir Platz genommen, reicht man mir schon die ersten, von den Müttern der Schüler, selbst gemachten Leckereien. Meist sind Blätterteig, Kräuter und Käse im Spiel. Immer mehr Schüler und Schülerinnen halten mir eine Schüssel unter die Nase. Sehr schnell vergesse ich was "nein" auf türkisch heißt. Dazu bin ich zuviel Genussmensch.

 

Irgendwann setzt sich ein Junge zu mir und spricht mich auf türkisch an. Woher ich komme, wohin, warum? Ein Mädchen gesellt sich zu uns, gefolgt von einem weiteren Jungen. Irgendwie verständigen wir uns. Man legt mir Schweinereien in den Mund bis Mr. Bean es endlich merkt. Die Teenies haben ihren Spaß. Irgendwann gehen die Jungs wieder Fussball spielen und plötzlich bin ich von Mädels umringt. "Bist Du verheiratet?" - "hast Du Kinder?" - "wo ist Deine Familie?" . Mit der Antwort "Nein, sonst könnte ich die Reise nicht machen" ziehe ich mich aus der Affäre. Mehr und mehr Schüler kommen dazu.

 

Gut 40 Schüler umringen mich und bombardieren mich mit den üblichen Fragen auf türkisch, englisch und holländisch. Mit zunehmender Dauer wird es auch immer anstrengender - aber es macht auch Spaß.

 

Ein Mathelehrer erzählt mir von den selben Problemen mit seinen Schülern, wie wir sie aus Deutschland kennen. Mathe lernen - wozu. Die Türkei sucht das nächste Topmodell, den nächsten Magier oder irgend so einen anderen Traumtypen. Einmal ins Fernsehen und Millionär werden ist doch vielversprechender. Jede zweite Ehe wird geschieden. Was für Perspektiven.

 

Gegen 14 Uhr packen wir zusammen und fahren zurück. Ich versuche mir die Strecke zu merken, denn nach einigen Gesprächen mit dem Hotelpersonal, scheine ich auf diesem Weg, nächsten Donnerstag Ankara endgültig verlassen zu können. Was wirklich nicht einfach ist mit dem Rad.

 

 

 

 

Donnerstag, 22. Mai 2008

 

Heute morgen habe ich wieder mal richtig ausgeschlafen. Das Hotelfrühstück lasse ich ausfallen, ich hab noch Äpfel und Bananen im Zimmer.

 

Danach fahr ich wieder rüber ins Internetcafe um mich bei Euch für Eure Nachrichten zu bedanken, eingehende eMails zu beantworten und die Webseite zu pflegen.

 

Gegen 14 Uhr entschließe ich mein Hungergefühl mit einem richtigen türkischen Mittagessen zu bekämpfen. Ein paar hundert Meter vom Hotel entfernt, in einer ziemlich belebten Geschäftsstraße, habe ich letzten Samstag ein paar nett aussehende Lokale entdeckt. Davon will ich nun eines ausprobieren.

 

Was mir schon am Samstag auffiel: vor den Lokalen in solchen Geschäftsstraßen steht oft so ein Securitytyp und kümmert sich um die Autos der Gäste. Du musst nur vorfahren, aussteigen und Dich ins Lokal setzen. Der Typ parkt dein Auto, wenn möglich direkt vor dem Restaurant wenn es Platz hat, oder etwas abseits - aber er fährt es dir wieder vor, wenn Du das Lokal verläßt. Dafür bekommt er Trinkgeld. İch kenn das aus den USA. 

 

Ich schaue in die bebilderte Speisekarte und da ich mich müde fühle, beschränke ich mich bei meiner Bestellung darauf, auf bestimmte Bilder zu zeigen. Die ergänzenden Fragen des Kellners beantworte ich, experemtierfreudig, ohne es zu verstehen, einfach mal mit "evet" - türkisch für "ja". Mal sehen was ich bestellt habe, denkt Mr. Bean.

 

Zuerst kommt ein eiskaltes Glas Trinkjoghurt. Ich schaue auf das Bild der Speisekarte. Okay. Vielleicht ein perspektivisches Problem. Der Kellner hatte ja eine erhöhte Position. Oder mein Zeigefinger ist vom hämmern auf der Tastatur geschwollen. Oder man bekommt den Trinkjoghurt obligatorisch. Egal. Ich hab das noch nie getrunken. ich meine in Deutschland, beim Türken, also bin ich gespannt: es schmeckt herrlich erfrischend. Hmmmm.

 

Dann kommt der Salat. Nee, der auf dem Bild sah anders und größer aus. Ebenfalls egal.

Denn dann kommt das warme, frische Fladenbrot und ein Fleischspiess. Ganz heiß - frisch gegrillt. Lecker.

Aber ich war schon von mindestens 2 oder 3 ausgegangen!

Denn ich bin ja 1,89 cm gross und will bis zum Everest radeln.

Da können mich die Jungs hier doch nicht schon in Ankara von der Lebensmittelzufuhr abschneiden.

Doch der Kellner kennt meine Zweifel nicht, ich sehe, wie mein vermeintlich zweıter Spieß an den Nebentisch wandert.

Ich widme mich meinem Spatz auf dem Teller, vergesse aber die Tauben in Gedanken nicht.

Plötzlich legt man mir einen zweiten Spieß auf den Teller, Sekunden später kommt der dritte.

Gut, wir denken langsam in den gleichen Dimensionen. Das Hungergefühl läßt nach. Der vierte Spieß landet auf mein Teller und dann verstehe ich. Hier gibts Spieße wortwörtlich "bis zum abwinken"!

Was ich dann nach dem fünften auch tue. Ich bin Pappsatt. 

 

Ich hatte also einen Salat, ein Schälchen mit eingelegten Gürkchen, schönen, grünen Pepperoni, 2 große Fladenbrote, 5 Spieße, einen Trinkjoghurt und eine kleine Flasche Wasser. Nun bin ich auf die Rechnung gespannt. 33 türkische Lira. Gut 17 Euro. Das ist in Ordnung, denke ich. Danach gehts ins Hotel zum Mittagsschlaf...

 

 

Montag, 12. Mai 2008

 

Die 75 km heute waren echt locker und dann plötzlich lag die Riesenstadt vor mir. Hab dann noch alle Angriffe auf mein Leben auf 4-spurigen Fahrbahnen erfolgreich abgewehrt und dann nach 1,5 Stunden eine Oase der Ruhe von einem Hotel gefunden für umgerechnet 18 Euro! Da kann ich bis Freitag bleiben.

 

 

 

Sonntag, 11. Mai 2008

 

Ich habe nur 3 x 3 Stunden geschlafen, dazwischen habe ich alles mögliche gemacht, um meine eiskalten Füsse zu wärmen. Ohne Zelt auf nem Steinboden ging fast nicht.

Es war kälter als auf der Alb im März.

Koche gerade Nudeln, 110 km vor Ankara.

 

Ich bin nach 73 km in Polatli (77.000 Einwohner) gelandet und hab mir das beste Hotel am Platz geleistet (25 E).

Bin erst mal 15 Minuten unter die Dusche und nehme dann morgen die letzten 78 km bis Ankara unter die Reifen.


 

Sonntag, 18. Mai 2008

 

Ich schlafe richtig lange aus, flicke den Schlauch an den zwei Stellen, wasche ein paar Klamotten und mache Gehirnübungen in Form von Sudokus. Nachmittags sonne ich mich auf meinem Bett und döse vor mich hin. Gegen später hole ich mir was zu essen und trinken und mache es mir in meinem Zimmer gemütlich.

 

 

Samstag, 17. Mai 2008

 

"Als junges Maedchen konnte ich mich stundenlang in der Nähe einer Eisenbahnlinie aufhalten, wie magisch gefesselt von den glänzenden Schienensträngen und der Vorstellung der vielen Länder, wohin sie führten.

Allein, wiederum zaubert mir die Phantasie nicht Städte, Gebäude, glänzende Feste oder eine bunte Volksmenge vor; nein, ich träumte von wilden Bergen, von riesigen Steppen und unzugänglichen Gletscherlandschaften!".

 

Alexandra David-Neel - "Mein Weg durch Himmel und Höllen"

 

Gut, bei mir waren es nicht Eisenbahnschienen, die mich träumen ließen, sondern Landkarten und Atlanten. Aber ich kann Städten nicht viel abgewinnen und sind sie nicht auch gefährlicher als die Natur da draußen?

 

Wie lange ist ein Vorurteil ein Vorurteil? Bis man es oft genug bestätigt bekommt? Was ist oft genug? Alles liegt subjektiv im Auge des Betrachters.

 

Warum all diese Fragen? Weil ich am Samstag ins Zentrum fahren will. An der Rezeption hole ich mir die Bestätigung: Kizilay sollte mein Ziel sein. Ich fahre los und da der Weg teilweise der gleiche ist, wie zu den Konsulaten, finde ich mich gut zurecht. Schnell geht es bergab, auf mehrspurigen Straßen komme ich meinem Ziel schell näher. 

 

Ich bin im Zentrum angelangt. Staus und Autos, an denen ich gemütlich mit meinem Fahrrad vorbeifahre. 

 

Ich versuche es in einem Park. Auf einer Parkbank sitzend schau ich mich um. Eines lernt man sehr schnell auf so einer Reise: entspannen, abschalten, einfach nichts tun und sich gut dabei fühlen. Sehr gut.

 

Die Fahrt hat mich durstig gemacht. Ich sehe einen älteren Mann mit einem Korb unter dem Arm aus dem zwei große Thermoskannen herausragen. Ich winke ihn heran. Sofort schwenkt er in meine Richtung. "Englısh?" fragt er. "Alman", antworte ich. "Nescafe? - Çay?" - "Çay!". Wir kommen ins Gesprach. Das Rad weckt immer das İnteresse. Hundebesitzer wissen was ich meine. Kauf Dir nen Hund und Du kommst mit (nicht allen) Leuten ins Gespräch.

Als ich ihm mein Ziel nenne, kann er nicht mehr an ich halten. Er stellt seinen Korb ab und nimmt mich zur Brust. Bruderkuss links, Bruderkuss rechts. "allah-gönl-ün-ün murad-ın-ı ver-sın" - Gott möge deinen Herzenswunsch erfüllen. Damit verabschiedet er sich gestenreich.

 

Aber ich bin nicht lange allein. Drei Mann der Security interessieren sich für mich. Für mein Rad. Für meine Reise. Es wird witzig. Die Jungs sind locker. Ich bin froh und denke an vergleichbare Situationen in Deutschland. Interessiert sich da auch jemand für die Herkunft eines Türken, seine Beweggründe, seine Ziele?

 

Wie sagte eines der Mädels im Hotel zu mir? "Germans are freezy. You are not freezy. You are coloured. Your life is coloured".

 

Als die Security weitergeht, setzen sich zwei jüngere Türken auf die nächste Bank. Auch sie sind echt nett, wollen ihren kleinen Imbiss mit mir teilen. Ich bedanke mich und sage daß ich weiterfahren will.

 

Ich fahre, bis ich meine, Kizilay zu verlassen und biege links in den Luna Park ab.

Doch der hat seine beste Zeit wohl hinter sich. Kein Wasser weit und breit, ganze Lichtgerüste liegen in den leeren Bassins. Alles verkommt. Sehr positiv ist immer wieder zu beobachten, wie die Türken sich völlıg unbedarft ein schattiges Plätzchen suchen und sich einfach "lang machen" für ein Nickerchen...

 

Ich kann nix fotogenes entdecken und entschließe mich Richtung Hotel zu pedalieren. Da höre ich plötzlich ein seltsames Geräusch, das gut zum Fahrverhalten meines "Velotraums" passt. Ein Blick genügt. Plattfuss mitten in der Stadt, nach 1.500 km in der Landschaft... Wie lange sind Vorurteile Vorurteile???

 

Da mir das genau vor einem Regierungsgebäude passiert, steht sofort ein Polizeibeamter da. Aber er glaubt mir schnell meine nichtterroristischen Absichten. Wenn der wüsste, dass das nur ein Trick ist um die Handgranate aus dem Rucksack...

 

Ich wechsle den Schlauch, geflickt wird im Hotel. Danach pedaliere ich auf mir bisher unbekannten Straßen Richtung Hotel und bekomme dadurch eine immer bessere Orientierung für diese Riesenstadt. Anhaltspunkte sind mir Moscheen, Hochhäuser, Anhöhen und Wassertürme. In tausend Jahren (wenn es uns da noch gibt) wird unser dann Erbsengroßes Hirn diese Fähigkeit seit 900 Jahren verloren haben, dank der Navigationsgeräte ;-)).

 

Zur Feier meines Konsulatfreien Tages möchte ıch noch essen gehen. Ich lande in Çankaya, in einer ziemlich angesagten Strasse, wo sich ein Lokal an das andere reiht. Am Ende finde ich eın ruhigeres Restaurant, wo ich ein ausgezeichnetes Rindersteak in einer Currysauce mit Pommes, gekrönt von zwei eiskalten Becks zu mir nehme.

 

 

Freitag, 16. Mai 2008

 

Der ursprünglichen Aussage des Hotel-Rezeptionisten von letzten Montag zufolge müsste ich heute mein Zimmer räumen, da das Hotel über das Wochenende bereits ausgebucht ist. Mit diesem Bewußtsein und leicht gerädert bin ich heute morgen aufgewacht. Leicht gerädert hauptsächlich deswegen, weil es vorgestern kurz "knacks" gemacht hat und ich seitdem die Befürchtung habe, mir mal wieder mindestens einen der unteren Rückenwirbel ausgerenkt zu haben. Aber einen heißes Bad morgens und abends verschafft mir Linderung.

 

Ich also nach dem Tomaten-Gurken-Schafskäse-Çay-Frühstück an die Rezeption, um das nette Mädel zu bitten, mir doch ein anderes Hotel ab morgen zu suchen, denn solange könnte ich nun doch im Zimmer bleiben.

 

Dann mit dem Taksi zur Turkmenischen Botschaft. Der erwartet schwere Gang, der aber mit jeder Minute meiner Ausführungen leichter wird. Der Herr will auch ein Empfehlungsschreiben; nach zweimaliger Ablehnung meinerseits, aus den seit gestern bekannten Gründen, sind wir soweit, um die Transitdauer zu feilschen. Ich denke aber, er hat mich falsch verstanden, mit meinem Bike, denn als wir gemeinsam vor der Wandlandkarte von Turkmenistan stehen, meint er, die 500 km Wüste seien in 2 Tagen zu schaffen!? Mein Fehler. Nicht "Bike" sondern "Bicycle"! Dann darf ich vor Ort noch einen Vierzeiler verfassen, in dem ich mein Vorhaben bestätige, also auch zusichere, daß ich je ein Visum von Usbekistan und Kirgistan haben werde. Er liest Korrektur, beanstandet, ich korrigiere und dann ist er zufrieden. Montag oder Dienstag sehen wir uns wieder, wenn ich beide Visumsstempel im Pass habe.

 

Weiter gehts mit dem nächsten Taksi zur kirgisischen Botschaft. Ich bitte den Taxifahrer zu warten: "Beklemek, lütfen" und schon sitz ich wieder vor dem Beamten. Als der hört, dass mein Taksifahrer wartet, geht er kurzerhand mit mir raus, begrüsst den Fahrer mit Handschlag und erklärt ihm, zu welcher Bank er mich bringen soll und was dort zu tun sei! Ab zur Bank. Der Taksifahrer geht mit mir in die Bank und assistiert mir, so daß ich nur noch bezahlen muß. Ich merke mal wieder nicht, dass das Rausgeld nicht stimmt, aber mein Freund. Er reklamiert, nimmt das Geld und während ich mich noch wundere, was da abgeht, drückt er mir nochmal 5 Euro in die Hand.

Raus aus der Bank. Zurück zur Botschaft. Ich gebe dem Beamten die Einzahlungsquittung und erhalte dafür meinen Pass mit einem Visum für den Zeitraum von 01.08. bis 01.09. BINGO!

 

Das wars für heute. Zurück ins Hotel. Doch mit jedem Meter werden meine Zweifel größer. Was habe ich den Usbeken erzählt? Nicht, daß ich am Ende ohne Visum im Niemandsland hänge. Also Kursänderung. Ab zu den Usbeken. Man kennt mich bereits. Ich erkläre, daß ich nicht mehr weiß, welchen Zeitraum ich beantragt habe. Dann die Überraschung. Sie zeigen mir, daß sie mir sowieso 28 Tage in einem Zeitraum von 2 Monaten geben wollen. Damit bin ich jeden Druck los und kann jetzt ausrechnen, welchen Zeitraum ich bei den Turkmenen am Dienstag beantragen werde. Die wollen nämlich dann von mir Tagesgenau wissen, an welchem Tag ich einreise und 5 Tage später wieder ausreise. Davor liegen lediglich 3.200 km und hoffentlich nicht mehr als 44 Tage voller Unwägbarkeiten...

No Risk, no fun ;-)).

 

Zurück im Hotel besorge ich mir Karopapier und Schere und visualisiere die Monate und Tage, Visumzeiträume und geschätzte Fahrdauer, bis ich ein gutes Gefühl habe und es für machbar halte, genau am 15. Juli zwecks Einreise an der turkmenischen Grenze zu sein.

 

Da der Turkmene 7 Tage ab nächsten Dienstag benötigt, bin ich also locker nochmal 10 Tage in Ankara. Ich muss mich um mein neues Hotel kümmern. An der Rezeption erklärt mir das nette Mädel auf mein Anliegen hin, ich könne doch noch eine Woche bleiben! Unglaublich wie mir wieder alles zufliegt. Gustav Gans halt, wie mich mein Kumpel Jürgen vor Jahrzehnten schon getauft hat :-)))).

 

Als ich zum Internetcafe radeln will, mach ich noch kurz ein paar Fotos vom Hotel. Genau gegenüber ist eine Schule für das Hotelfachgewerbe und da man mich mittlerweile kennt, bin ich im Nu von zig Schülern und Schülerinnen umzingelt, die mich mit İhren Fragen bombardieren: woher? wohin? wie heisst Du? ich heisse... was ist das? wie lange hast Du gebraucht? und, und, und...endlich müssen alle auf dem Hof antreten und ich mach mich "Eyvallah" rufend aus dem Staub...

 


Donnerstag, 15. Mai 2008

 

Konsulatstag. Jetzt will ich es wissen und es muss ja auch mal langsam vorwärts gehen. Bin gestern den halben Nachmittag in meinem Zimmer gewesen und habe Kilometer gezählt. Auf den Landkarten der Türkei, des Iran, Turkmenistan, Usbekistan und Kirgistan. Dann bin ich, wie bisher, konservativ von einem Schnitt von 75 km pro Tag ausgegangen und habe von meinem ursprünglichen Zieldatum für die chinesische Grenze, dem 1. September 2008, rückwärts gerechnet.

 

Das Ergebnis zeigte mir, dass ich theoretisch bis 11.06. in Ankara bleiben könnte, um mich um die Visumgeschichte zu kümmern und müßte danach 69 Tage durchfahren.

 

Allerdings nur theoretisch, da es bis zur iranischen Grenze zwar noch mal ans Eingemachte geht, aber danach gehts dann höhenmäßıg runter (auf der Karte hoch) ans kaspische Meer und dort dann mehr als 1.000 km die Küste entlang. Also moderate Steigungen.

 

Da sollte also fast ein 100 km-Durchschnitt drin sein. Also jeder Tag über 75 km generiert mir meinen Zeitpuffer.

 

Richtung Mashad muß ich allerdings dann wieder in die Berge rein.

Turkmenistan bedeutet schlicht und einfach 500 km flache Wüste mit bis zu 50 Grad.

 

Usbekistan soll auch größtenteils flach sein und dann geht es in Kirgistan richtig hoch hinaus. Der Ala-Bel-Pass liegt auf 3.184 Meter, danach kommt der Kyzart-Pass (2.664 m), der Dolon-Pass (3.038 m), der Ak-Byit-Pass (3.282 m) bevor dann der Torugart-Pass (3.752 m) die Grenze zu China bildet.

 

Das Ganze mußte ich so genau ausrechnen, weil viele Botschaften für die Ausstellung des Visums Ein- und Ausreisedaten wollen.

 

Ich ruf mir also heute morgen ein Taxi und laß mich für knapp 8 Euro zur iranischen Botschaft fahren. Kurz nach 10 Uhr bin ıch drin. Ich setz mich neben einen interessanten Typen, etwas älter als ich, Typ Abenteurer. Und schon spricht er mich auf Englisch an. Er kommt aus Neuseeland und ist 4 Wochen lang die türkische Küste bei Antalya entlang gewandert (!) und will nun auch im Iran wandern. Er hat gerade seinen Antrag gestellt und bei einer Bank um die Ecke seine Gebühr von 60 Dollar einbezahlt, hat die Quittung vorgelegt und man hat ihm das Visum für heute versprochen. Wow! Ich hör wohl nicht richtig. Ein paar Minuten später passiert das Unfassbare. Er zeigt mir sein Visum, bedankt sich bei der Iranerin, die ihm den Pass überreicht hat, wünscht mir noch viel Glück und verschwindet. Kurz darauf bin ich dran. Ich kenne den Beamten von vorgestern und er machte da schon einen sympathischen Eındruck. Woher ich komme, will er wissen. Ich erzähle ihm meıne Geschichte recht detailliert und plötzlıch sprıcht er deutsch. Das Eis ist gebrochen. Herr Kahsaeri kommt dazu. Er rät mir wieder www.iranianvisa.com zu kontaktieren, um das Thema mit dem abgelaufenen Code zu klären. Nachdem, was ich gestern im Internet recherchiert habe, bin ich wohl nicht der Einzige bei dem das nicht geklappt hat. Ich erkläre den Beiden, dass ich am 1.9.08 in Tibet sein muss wegen dem Wintereinbruch. Ich habe im Internet gelesen, dass ich mein Visum in Ankara beantragen und in Erzurum, kurz vor der Grenze dann abholen kann. Herr Khasaeri bestreitet das. Der deutschsprechende Iraner redet auf iranisch auf Herrn Kahsaeri ein. Der fragt mich: "würde ein Visum für 28 Tage ihr Problem lösen?" Ich antworte "30?". - "28." - "Ja"!

Schwupp, gehe ich 100 Meter weiter zu einer Bank, zahle 60 Euro ein und lege dann den Einzahlungsbeleg in der Botschaft vor. Um 11 Uhr 15 habe ich das iranische Visum mit einer Gültigeit von 3 Monaten im Reisepass. SUPER!!!

 

Auf der Erfolgswelle reite ich doch gleich mal zur usbekischen Botschaft. Rein ins Taxi, 5 Euro und ich bin dort. Es fängt an zu regnen. Rein. Antrag abgeben. Passfoto dazu. Das wars. Denkste. Fotokopie vom Pass fehlt. Der nette Beamte erklärt mir, dass ich an der nächsten Ecke kopieren kann. Also wieder raus aus der Botschaft und fast schwemmt es mich weg. Es gießt wie aus Kübeln. Egal. Um die nächste Straßenecke und rein ins Schreibwarengeschäft. Ich mache 3 Kopien. Wer weiß, wer noch eine will. Zurück zur Botschaft. Am Montag, spätestens Dienstag ist mein Visum fertig. Geht doch. 20 vor 12. Okay. Zurück ins Hotel. Mittagspause. Kleidung trocknen. Um 14 Uhr rufe ich von der Hotelrezeption aus die kirgisische Botschaft an. Ja, von 14 bıs 17 Uhr 30 ist geöffnet. Taksi (so stehts oben drauf) rufen, 8 Euro und ich bin dort. Netter, seriöser Kirgise. Ich gebe ihm Antrag, Passfoto und Pass und Passkopie. Wars das? Neiiiiin. Er schickt mich zur deutschen Botschaft. Die sollen mir ein Empfehlungsschreiben ausstellen. Okaaaaaaaaaaay. Taksi. 8 Euro.

 

Deutsche Botschaft. Die Größte bisher. Mit 4 Eingängen, wie vor einem Stadion. Jede Menge Türken und andere Nationalitäten. Kein Deutscher außer mir. Als ich dran bin, erkläre ich mein Anliegen. Der deutsch sprechende, türkische Torsteher erklärt mir, daß nur morgens und nur nach Terminvereinbarung eingelassen wird. Er fragt aber für mich, ob man eine Ausnahme macht. Ob ich in Deutschland wohne. Ich zögere innerlich. Nee, denke ich. Zur Zeit in der Türkei und sonst auf der Welt. Aber das würde er nicht verstehen.

Also: ja.

Ach so, ja dann.

Der Türöffner.

Denkste.

Was dann kommt, erklärt mir im Nachhinein mein Zögern bei meiner Antwort auf die Frage, wo ich wohne.

Er richtet mir aus, dass die deutsche Botschaft früher solche Empfehlungsschreiben ausgestellt hätte, das aber jetzt nicht mehr macht.

 

Da hätte ich mal daheim dran denken sollen!!! Wort-wörtlich.

 

Ich erkläre dem Torsteher, daß ich mit dem Fahrrad von Deutschland nach Ankara gefahren wäre und frage ihn, ob ich jetzt wieder heimradeln soll, um mir das Schreiben zu besorgen.

 

Ja, er kann nichts machen. Wie gesagt, da hätte ich daheim dran denken sollen.

 

Überflüssig zu erwähnen, dass der Botschafts-Kirgise nur mitfühlend mit den Augen rollt, als ich ihm die Geschichte erzähle. Morgen um 11 Uhr kann ich mein Visum holen.

 

 

Mittwoch, 14. Mai 2008

 

Heute Morgen habe ich, wie vom Konsulatsbeamten gewünscht, um 9.30 Uhr angerufen. Man bat mich dann, es 10 Minuten später nochmal zu versuchen. Dann wurde mir eröffnet, dass mein Autorisıerungscode nicht mehr gültig sei. Ich habe die Reservierung meines Visums am 15. März bestätigt bekommen und es sollte 3 Monate Gültigkeit haben. Laut Botschaft aber nun doch nicht. Ich habe sofort die Agentur informiert, über die ich den Code fuer 32 Euro erworben hatte. Bin gespannt, was die mir antworten.

Das Ganze ist wunderbar komplex, denn nun soll ich einen neuen Antrag stellen, dessen Bearbeitung 12 Tage dauern kann. Ich könnte mir dann wieder einen Code nach Erzerum (nahe der türkisch-iranischen Grenze) mailen lassen und dann dort das Visum abholen. Komplex ausserdem, weil ich heute morgen in der usbekischen Botschaft war. Für dieses Visum muss ich nun bis morgen wissen, von wann bis wann ich die 4 Wochen in Usbekistan sein möchte. Das Usbekistan Visum wiederum benötige ich, um das Turkmenistan Visum zu bentragen (das Land in das ich aus dem Iran aus einreisen will). Und die Turkmenen wollen genau wissen, an welchem Tag ich einreise und an welchem ich ausreise. Dafür muss ich also heute schätzen wann ich Ankara verlasse, wie lange ich bis zur Grenze benötıge und wie lange ich für den Iran benötige...

 

So, jetzt zu den noch positiveren Dingen:

 

Der Artikel in der Esslinger Zeitung erscheint morgen im Druckmedium, hier vorab die Onlineversion:

 

http://www.ez-online.de/lokal/esslingen/kreisesslingen/Artikel1624162.cfm

 

Denkt bitte jemand an mich und legt mir ein Exemplar zur Seite? Danke schön!

 

Ein grosses "Danke schön" auch an Nicole Heller und meinen Freund "Franky" - die Beiden haben den Artikel noch auf ihre inoffizielle Stuttgartseite gestellt:

 

http://www.stgt.de/stgtneu5/index_sub.php?id=12558

 

www.net-stuttgart.de

www.stgt.de

 

Dienstag, 13. Mai 2008

 

Der Hammer vorneweg: Ein fettes "Danke schön" an Euch alle!!! Dank Euch und Eurer Werbung für mich und mein Vorhaben hat es meine Website in der Jimdo-Rangliste auf Platz 16 (!) der beliebtesten Jimdo-Internetseiten gebracht! Ich bin stolz wie Oskar.

 

Hammer Nr.2 - http://www.ez-online.de/

 

Heute ist mein erster Tag in Ankara und ich befürchte es kommen noch Einige dazu. Ich gehe also gegen 8 Uhr zum Frühstück (Tomaten, Gurken, Schafskäse, Brot, gekochtes Ei und natürlich Çay) und danach lass ich mir ungefähr erklären wo sich die Iranische Botschaft befindet. Scheint nicht weit weg zu sein, also versuche ich es mit dem Rad. Nach ner Stunde gebe ich auf. Die Stadt ist zu gross, zu hügelig und der Verkehr für einen Radfahrer zu gefährlich. Also zurück zum Hotel und von dort starte ich einen zweiten Versuch mit dem Taxi. Die sind hier echt billig. Nun lass ich mich erst mal zur Usbekischen Botschaft fahren. Doch unter der Adresse die ich habe, existiert hier keine Botschaft. An der Ecke stehen Taxis. Nächstes Ziel ist die iranische Vertretung direkt neben dem noblen Sheraton Ankara. Schwer vergittertes Gelände. Ich klingel und die Tür geht auf. Drinnen ein Riesen-Spiegel und ein Bild von Khomeini. Eine Frau in traitioneller Kleidung fragt nach meinem Anliegen. Ich lege einen Ausdruck meines eMail-Schriftverkehrs mit einem İhrer Kollegen vor. Durch Vorlage des Codes sollte ich hier innerhalb von 3 Tagen mein Visum bekommen. Sie geht, ein Kollege kommt. Er nimmt meinen Pass und kommt nach 20 Minuten zurück. Nun muss ich ihn morgen um 9.30 Uhr anrufen, da von meinem Sachverhalt nichts bekannt ist. Ich bummle anschliessend noch etwas in der Stadt herum, da ein weiterer Botschaftsbesuch nicht mehr möglich ist. Es ist kurz vor 12 Uhr und dıe Botschaften haben nur vormittags offen. Morgen nehm ich gleich das Taxi, das habe ich gelernt.

 

Im Hotel knabber ich noch ein paar Nüsse und dann mach ich ein 3-stündiges Mittagsschläfchen. Als ich aufwache bin ich irgendwie immer noch "daneben". Seit gestern bemerke ich auch, dass meine beiden Hände irgendwie geschwollen sind. Mein Körper braucht Erholung, denke ich und die soll er die nächsten Tage nachmittags auch bekommen. Ich schaue in meinen Posteingang und stelle die neuesten Türkeibilder auf meine Seite. 

 

Montag, 12. Mai 2008

 

Die 75 km heute waren echt locker und dann plötzlich lag die Riesenstadt vor mir:-). Hab dann noch alle Angriffe auf mein Leben auf 4-spurigen Fahrbahnen erfolgreich abgewehrt und dann nach 1,5 Stunden eine Oase der Ruhe von einem Hotel gefunden für umgerechnet 18 Euro! Da kann ich bis Freitag bleiben.

 

Sonntag, 11. Mai 2008

 

Ich habe nur 3 x 3 Stunden geschlafen, dazwischen habe ich alles mögliche gemacht, um meine eiskalten Füsse zu wärmen. Ohne Zelt auf einem Steinboden - brrrrrrrrrrrrrrrrr.

Es war kälter als auf der Alb im März.

Ich bin nach 73 km in Polatli (77.000 Einwohner) gelandet und hab mir das beste Hotel am Platz geleistet (25 E).

Bin erst mal 15 Minuten unter die Dusche und nehme dann morgen die letzten 78 km bis Ankara unter die Reifen.

 

 

Samstag, 10. Mai 2008

 

 

11:40 Uhr

Ich wärm mich gerade etwas in der vereinzelt durchkommenden Sonne. Hab heut zum Frühstück nen 1.400m Pass bezwungen und die Abfahrt danach war bitterkalt. Hab dann türkisch gefrühstückt: Cay, getoastetes Weißbrot, Käse, Oliven, Gurke, Tomaten. Noch 200 km bis Ankara. Ziel: Montagabend!

16:49 Uhr

Bin am Ende nach 90 km, davon die letzten 26 kerzengerade in einer Ebene und wieder das Essen vergessen. Das mach ich jetzt (türk. Pizza) und auf der Gegenfahrbahn ist ne verlassene, gut erhaltene Raststätte mit überdachten Lauben. Eine wird mein Schlafzimmer. Bin kurz vor Sivrisihar, 135 km vor Ankara

19:34 Uhr

Hier wirds dunkel und damit kalt. Zeit in den Schlafsack zu kriechen... Den Geräuschen nach sind in dem Teich 2m neben mir Mammutfrösche. Hoffentlich ist morgen früh noch was von mir übrig.


 

Samstag, 10. Mai 2008

 

Habe heute zum Frühstück einen 1.400m Pass bezwungen und die Abfahrt danach war bitterkalt. Zwischendurch habe ich dann türkisch gefrühstückt: Cay, getoastetes Weißbrot, Käse, Oliven, Gurke, Tomaten. Noch 200 km bis Ankara. Ziel: Montagabend!

Bin am Ende. Nach 90 km, davon die letzten 26 kerzengerade in einer Ebene und wieder das Essen vergessen. Das mach ich jetzt (türk. Pizza) und auf der Gegenfahrbahn ist eine verlassene, gut erhaltene Raststätte mit überdachten Lauben. Eine wird mein Schlafzimmer. Bin kurz vor Sivrisihar, 135 km vor Ankara

Hier wirds dunkel und damit kalt. Zeit in den Schlafsack zu kriechen... Den Geräuschen nach sind in dem Teich 2m neben mir Mammutfrösche. Hoffentlich ist morgen früh noch was von mir übrig.

 

 

Freitag, 09. Mai 2008

 

Es war sonnig, aber kalt. Bin mit Handschuhen und Langarmfleece gefahren. Nach 90 km und einem herrlichen und wunderbar zu fahrenden Tag habe ich den genialsten Zeltplatz in einem abgelegenen Felsennest bezogen.

 

 

Donnerstag, 08. Mai 2008

 

Heute war Waschtag und dann hab ich 6,5 Stunden damit verbracht, Bilder !!! einzustellen.

 

Mittwoch, 07. Mai 2008

 

Heute habe ich mein Sicherungsseil verloren und meine Oakley ist auch weg (geklaut).

Bin im Regen in Sandikli angekommen, habe ein 17 Euro-Hotel gefunden mit richtigem WC und Dusche und Internetcafé um die Ecke :-).

Also die nächsten 7 Tage bis Ankara Regen.

Bleib also in jedem Fall morgen hier in der tiefsten Provinz.

 

 

Dienstag, 06. Mai 2008

 

Lagerplatz auf dem freien Feld, ganz in der Nähe sind Kühe, eiskalte Finger, 15 km vor Dinar:-), wieder toller Tag, bin zum Caytrinker gemacht worden...

Während dem Zeltaufbau ging die Sonne unter und es wurde so schnell kalt dass ich wegen kalter Finger nicht mehr weitermachen konnte, hab sie auf meinen "Ex-Bauch" gelegt und die Wärme rüberströmen gespürt! Unglaublich!

 

 

Montag, 05. Mai 2008

 

Ich bin kurz hinter Denizli.

Man kommt wie von der Weinsteige darauf zu;

Nach 30 Minuten Abfahrtsrausch liegt die Stadt in der Abendsonne unter dir, links Berge wie am Lago, rechts bewachsene Hügel mit Felsen durchzogen. Atemberaubend schön, genau wie die knallrote Sonne.

Die Türkei ist wunderschön!!!

 

 

Sonntag, 04. Mai 2008

 

Ich wäre heute fast vom Rad gekippt vor Hitze und Anstrengung,

bin 75 km vor Denizli und der Tacho ist kaputt, ca. 1400 Hm. Sitz jetzt vor dem Lagerfeuer. 

 

 

Samstag, 03. Mai 2008


Das war mal ne Nacht mit all den Geräuschen und seltsamen Träumen dazwischen.

Bin seit 6 wach und seit ner Stunde unterwegs. Die ersten 250 Hm hab ich.

Was soll ich sagen?

Tagesziel 70 km! Erreicht, 1.138 Hm! Ich bin stolz. Landschaft: grandios, Zeltplatz: grandios.

Aber: minimum 10 neue rote Punkte.

Ich will, aber mein Körper anscheinend nicht. Ich bin ratlos. Ich kann gar nicht soviel Wasser mitnehmen dass ich das Hygieneproblem in Griff kriege. Morgen wird sich´s zeigen.

 


Freitag, 02. Mai 2008 


Einen Tag später als geplant bın ıch Rıchtung Türkeı gestartet - gestern war auch in Griechenland Feiertag (Blumentag).

Bin auf dem Schiff. Dank meinem Rad mußte ich bei der Passkontrolle eine zweite Flügeltür öffnen und an ca. 100 staunenden Wartenden vorbei direkt durchgehen.

Jetzt sitze ich in der Sonne und warte auf die Wartenden.


Bin 10  km hinter Milas am Waldrand gelandet. Knapp 50 km, aber Steigungen ohne Ende.

Und das tollste, das Rad ist jetzt so abgespeckt, daß klettern wieder Spaß macht:, Landschaft wunderschön, Lebensmittel billig, alles genial.

 


Dienstag, 29. April 2008

 

"Es ist noch Nusskuchen in großen Mengen übrig", sagt mir Jürgen, als ich heute Morgen die Küche betrete, um meinen Morgenkaffee einzuschenken. Beim morgendlichen Freiluftkaffeetrinken ist es an der Zeit, Jürgen nach Unterstützung für meinen Benzinkocher anzusprechen. Ich schildere ihm grob meine bisherigen Bemühungen und er erklärt sich sofort bereit, das Thema gemeinsam mit mir nochmal unter die Lupe zu nehmen. Allerdings muß er erst malei ne Stunde weg. Dinge erledigen. Ich gehe aufs Zimmer und leg mich nochmal kurz hin, danach nehme ich meine beiden Päckchen und bringe sie zur Post. Zusammen bringen sie 3 Kilo auf die Waage. Kostet zwar 15 Euro, dafür fällt mir das Pedalieren ab jetzt leichter.

Zurück im Hotel schnapp ich das Werkzeug und den Kocher und gehe wieder runter. Nochmal zerlege ich alles und reinige nun auch die Düse und die Einspritznadel. Dann baue ich wieder alles zusammen und teste. Es funktioniert!!! Als Jürgen zurück kommt, führe ich es ihm stolz vor. Also, auch in Tibet wird es warme Speisen und Getränke geben. HURRA!

Alexis kümmert sich um die Schiffstickets nach Bodrum. Donnerstagmorgen will ich übersetzen. Gegen 14 Uhr esse ich in meinem Zimmer die ersten Spaghetti, die ich mit meinem Kocher auf dem Balkon zubereitet habe. Ein Hochgenuss.

Wir sitzen bis 23 Uhr vor dem Hotel und quatschen. In der Nacht greifen die Moskitos wieder an... 

 

 

Montag, 28. April 2008

 

Ostermontag in Griechenland. Die fünfte Woche meiner Reise beginnt.

Bin gegen 6 Uhr aufgewacht und habe ungefähr eine halbe Stunde gelesen, danach bin ich wieder eingeschlafen. Gegen 9 Uhr bin ich dann aufgestanden. Jürgen hatte wie immer schon richtigen Kaffee gekocht. Ich esse normalerweise morgens nichts, aber Jürgen hatte am Tag zuvor einen Butterhefenusszopf mit Zuckerguss gebacken. Er hatte zuerst Konditor gelernt und war dann Koch geworden. Der Zopf war einfach ein Traum. Ich glaube, ich habe mir 3 dicke Stücke abgeschnitten und mit viel Genuss gegessen. In der Marina waren wir am Tag vorher nicht gewesen. Jürgen hat mich eingeladen, mitzukommen. Die Jungs machen da an Ostern für alle anwesenden Segler ein richtigs Fass auf. Grillen 6 oder 7 Osterlämmer und Jeder der sich anmeldet, bekommt noch ein Geschenkpaket. Und alles Gratis.

Aber es hat Sonntag geregnet, Jürgen hatte verschlafen und dann keine Lust mehr, 2 oder 3 Zöpfe zu backen. Einen wollte er mit zur Marina nehmen, aber den essen wir jetzt selber. Gut so.

 

Gegen später habe ich dann wieder versucht meinen Kocher in Gang zu bringen. Lineare Beschreibungen oder Gebrauchsanweisungen. Eine Qual für jedes Hirn. Bis man da mal ein klares Bild bekommt, was wie funktioniert und wozu das da ist. Immerhin quittiere ich jeden weiteren Fehlversuch nur mit einem Lächeln. Ich werde das Ding zum kochen bringen und nicht das Ding mich! Dafür wurde es ja auch konstruiert, also schaff ich das auch. Früher wäre ich, glaube ich, verzweifelt. Immer wieder breche ich ab, gebe meinem Hirn die notwendige Inkubationszeit und nach und nach kommt mir eine Erkenntnis nach der anderen.

Ich zerlege den Kocher komplett und reinige die wichtigsten Dinge. Aber es klappt irgendwie doch nicht. Irgendwas funktioniert nicht so, wie es soll. Morgen ist auch noch ein Tag. Wenn nicht, schick ich es zurück. Bis Kirgistan werde ich es sowieso nicht unbedingt benötigen.

Ich muss raus. Fahre ins Internetcafé und erlebe eine Riesenüberraschung. Im Maileingang eine Nachricht eines Redakteurs der Esslinger Zeitung (www.ez-online.de). Er hat von einem Kollegen von meiner Reise gehört und will von mir wissen, ob ich Interesse daran habe, daß er einen Artikel darüber schreibt. Meine positive Antwort hat er bereits erhalten. Mal sehen wie er sich das Ganze vorstellt.

 

Am Abend weitere Zündungsversuche. Im Dunkeln sieht man die Flammen besser und kann unterscheiden zwischen blau und gelb. Ich brauche Blaue, der Kocher liefert mir nur eine kleine Gelbe.

 

Morgen gehts weiter. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

 

 

Sonntag, 27. April 2008

 

Als ich heute gegen 9 Uhr 30 meine Augen öffne und zum Himmel schaue, ist dieser bewölkt und die Temperatur ist auch gefallen. Nach der üblichen Morgenprozedur und den guten Ergebnissen meiner Antibiotikakur ist es Zeit wieder richtig nach vorne zu schauen. Ich muß mich noch einmal um meine Streckenplanung kümmern. Ich habe das zwar schon mehrfach gemacht, aber so richtig glücklich bin ich noch nicht damit.

Ich öffne die Karte der Türkei auf meinem Doppelbett, merke aber relativ schnell, daß das nicht optimal ist. Ich denke, es ist besser, das im "Wohnzimmer" zu machen. Ich packe meinen Buntstift, die Karten für die Türkei und den Iran und mein kleines Notizbuch und begebe mich zwei Stockwerke tiefer. Dort mache ich mir es auf einem der Sofas bequem.

 

Als erstes schaue ich mir die Türkeikarte nochmal an. Links unten ist Bodrum. Von dort aus geht es grob in nordöstlicher Richtung ins Landesinnere nach Ankara. Ich orientiere mich an den Hauptverkehrsadern. So eine richtig direkte Linie ist nicht möglich und am meisten macht mir nach wie vor zu schaffen, daß die Türkei doch im großen und ganzen recht gebirgig ist und ich die Strecke diesbezüglich nur durch Höhenlinien einschätzen kann. Doch auch das ist nicht so einfach. Durch Farben unterscheiden sich die Geländestufen in Stufen von 200, 300, 500, 1.000 und 1.500 Höhenmetern. Ich gehe näher an die Karte ran, um meine Täler und Hochebenen zu identifizieren. Dann fallen mir blaue Linien ins Auge. Blaue Linien? Das sind Bäche und Flüsse, oder einfach Wasserläufe. Und die fliessen im Normalfall abwärts. Und zwar moderat. Wasserfälle und Stufen sind da eher selten. Was wiederum bedeutet, dass parallel verlaufende Straßen ebenfalls nicht übermäßige Steigungen aufweisen. Das ist es. Ich fange in Bodrum an und suche Ankara im Nordosten in der Landesmitte. Orientiere mich an den Hauptverkehrsadern, aber es ergibt keine klare, direkte Linie. Dann halt mit ein paar Haken. Das nächste sind Straßen mit grünen Punkten. Aus der Kartenlegende weiß ich, daß es sich dabei um landschaftlich schöne Strecken handelt. Das will ich doch sehen! Also blaue Linien, mit grün gepunkteten Straßen die parallel laufen. Und plötzlich geht alles wie's "Bretzl backa", wie dr Schwob sagt.

Dann notiere ich die Kilometerangaben neben der Strecke und heraus kommt nachstehende Tabelle.

 

Danach schaue ich, ob mein Internetcafé offen hat. Hat es nicht. Ich finde ein anderes. 

 

Den Tag beschliesse ich mit einem vergeblichen Versuch meinen Benzinkocher in Gang zu bekommen. Am Ende steht der halbe Balkon in Flammen (Gott sei Dank, gefliesst...) und ich lese noch etwas im "Mondscheintarif" von Ildiko von Kuerthy... Kurz vor dem Schlafen ziehe ich meine Moskitonetzgeschichtsmaske über und freue mich schon darüber wie enttäuscht die Moskitos heute Nacht über mir kreisen werden...


Die Planung für die ersten 2 Wochen in der Türkei:

 

von nach Entfernung
Bodrum
Milas 48 km
Milas Yatagan

36 km

Yatagan Mugla 25 km
Mugla Tavas 115 km
Tavas Denizli 31 km
Denizli Dinar 112 km
Dinar Afyon 110 km
Afyon Sivrihisar 120 km
Sivrihisar Polatli 57 km
Polatli Ankara 76 km
GESAMT

733 km

 

 

 

Samstag, 26. April 2008

 

Jeden Morgen, nach dem Aufwachen, dasselbe Ritual. Decke zurück, Popo in die Höhe, Handspiegel davor und das Antibiotikaresultat betrachten. Und das beruhigt mich zusehends. Eine etwas längliche, knotige Stelle ist noch da, aber ansonsten sieht er schon fast wieder aus wie neu.

 

Danach zähle ich die Moskitostiche und gehe Morgentoilette machen. Heute will ich nochmal an das Gepäck ran bzw. es weiter reduzieren. Zuerst wird aber Kaffee getrunken.

 

Danach gehe ich nochmal alle Packtaschen an. Ich schicke die Ersatzkamera heim. Nein, ich behalte sie doch. Heimschicken? Behalten? Ich entscheide mich, mich größeren Dingen zu widmen. Dabei hilft mir die Erinnerung an die Supermarktregale gestern Abend. Wer hätte es gedacht? In Griechenland gibts Spaghetti und eigentlich jede Sorte Nudeln zu kaufen. Auch Waschmittel kann man käuflich erwerben. Die haben hier so viel davon, die müssen das Zeug verkaufen!!!

Warum ich das so schreibe?

 

Weil Mr. Bean ein Herz fuer Spaghetti hat. Nein, nicht so wie Ihr denkt. Klar, ißt er sie gerne, aber seine Liebe geht so weit, daß er daheim 2 kg dieser edlen Gattung auserkoren hat, sie mit dem Rad durch Europa spazieren zu fahren! Ich mein, was sind 2kg bei 40 kg Gesamtgepäck? Lächerliche 5%. Damit die Spaghetti sich nicht so einsam fühlen, habe ich noch 900 g Waschpulver mit dazu gepackt. Die müssen sich ja auch unterhalten können.

 

Manchmal kann man sich nur wundern. Auch über sich selbst. Also, ab jetzt gibts Spaghetti, bis ich wegen Gyrosmissachtung des Landes verwiesen werde und das Waschmittel wird ein vorzeitiges Geburtstagsgeschenk für Jürgen. Er feiert am 07.07.08 seinen 60sten.

 

Jedenfalls sind die 2 Päckchen, die ich heute morgen, ohne die oben erwähnten Dinge, schon mal gen Deuschland schicken wollte, schwer genug. Ich freu mich jedenfalls wieder aufs baldige, leichtere Radeln in der Türkei.

 

Als ich freudestrahlend mit meinen beiden Paketen an die Lobby oder besser unser Wohnzimmer komme, schaut mich Alexis verwundert an und erklärt mir, dass die Post wegen Ostern erst wieder Dienstag aufmacht. Na denn...

 

Ich widme mich meinem morgendlichen Gehirnjogging in Form von Sudoku und radel dann irgendwann in die Stadt um im Internetcafé diese Seite zu pflegen. Heute muß ich bezahlen.

 

Ach, da fällt mir ein: am Donnerstag, als ich am Zentralplatz in Kos-Stadt Fotos machen wollte, habe ich zum ersten Mal einen "Kollegen" gesichtet. Plötzlich war er aus einer der Gassen gekommen. Ortlieb-Packtaschen, Centurion-Fahrrad, Isomatte und Schlafsack offen auf dem Heckgepäckträger und ein azurblaues T-Shirt mit dem Aufdruck "ITALIA". Der soll sich mal nicht zu früh freuen. In der Türkei kommt mein Deutschlandtrikot zum Einsatz. Spätestens wenn die EURO 2008 beginnt. Er sieht mich, ich sehe ihn und nicke kurz, aber er fährt weiter. Wahrscheinlich konnte er mich nicht richtig zuordnen, da ich ja in Kos ohne Gepäck rumgondele. Schien aber sowieso einer von der Gattung "scheu und zurückhaltend" gewesen zu sein. Aber irgendwie freut man sich trotzdem den ersten "Gleichgesinnten" getroffen zu haben. Kos liegt nun mal auf der klassischen Route nach Asien. Eine Stunde weiter fängt eine andere Kultur an.

 

Warum mir das gerade einfiel? Weil ich nach dem Internetcafé und dem Einkauf unzähliger Backwaren in einer Bäckerei noch einen Salat essen will. Direkt um die Ecke, in der Nähe des Hotels, vorne an der Promenade werde ich fündig. Erst als ich schon sitze, bemerke ich daß es sich um ein italienisches Restaurant handelt. Warum nicht? Eine nette Bedienung bringt mir die Karte und der Chef strahlt, ganz Italiener, übers ganze Gesicht, als er mich begrüßt. Kennen wir uns? Irgendwie glaube ich ja. Ich bin ja nun schon mehr als 10 Tage der einzige Tourist mit Glatze und Fahrrad und bin an jedem der Lokale schon x-mal vorbeigefahren. Wie auch immer. Einen Tisch weiter sitzen 5 Segler. Ich tippe auf Norweger, als sie gegessen haben und gehen, stellt sich heraus, dass es Dänen sind. Ich bestelle Bruschetta und einen Putensalat. Ich möchte beides zur gleichen Zeit, nicht als Vor- und Nachspeise getrennt. Um die Wartezeit zu überbrücken lese ich die Samstagsausgabe der SZ. Da steht ein interessanter Artikel zum Thema Umgang mit eMails. Manche Unternehmensberater empfehlen, am Wochenende keine Geschäftsemails mehr zu lesen. Endlich wird mir klar, warum wir Unternehmensberater benötigen. Auch der Umgang mit Blackberries wird kritisch unter die Lupe genommen. Es ist mal wieder soweit. Die, die bisher immer und überall mit ihren Blackberries gemailt haben und die, die dies nicht getan haben, dafür ungläubig angeschaut hatten, können ja jetzt wieder auf den Gegenzug aufspringen. Die Herde lässt grüssen...wie gut, dass es Medien gibt die einen den richtigen Zeitpunkt für die Änderung seines Verhaltens nie verpassen lassen. Es lebe der Hype und noch mehr die Ungläubigen.

 

Es dauert ewig. Ich überlege schon, wieder zu gehen, als das Essen kommt. Und plötzlich weiß ich auch, warum es so lange gedauert hat. Alles ist frisch gemacht und schmeckt einfach gigantisch. Ich geniesse jeden einzelnen Bissen. Als ich fertig bin, verwickelt mich die Frau des Italieners in ein, für hier, typisches Gespräch. Ob ich hier Urlaub mache und wie lange. Als ich meine Pläne offenbare, ernte ich wieder größten Respekt (ich wundere mich da immer drüber...) und erfahre, dass ein Holländer ein paar Tage vorher mit ähnlichen Plänen zu Gast war. Die Rechnung macht 10,70 Euro, "just give me ten" sagt sie und ich freue mich wieder so, daß Mr. Bean die 40 Euro Rausgeld fast vergisst...

 

So, jetzt habe ich gegessen und ich habe den Rucksack voller Backwaren plus 2 kg Spaghetti...da sollte ich nicht hungrig zu Bett gehen müssen...

 

Aber es kommt noch besser. Als ich das Hotel betrete, werde ich für 24 Uhr zum Familienosteressen eingeladen. Na, das passt doch.

 

Ich lese, schlafe und lese. Gegen 23 Uhr gehe ich nach unten, wo schon ein Großteil der Familie versammelt ist. Und alle so schick! Ich überlege in welcher Packtasche mein Smoking, das weisse Hemd, die Krawatte und die schwarzen Budapester verstaut sind. Es ist ein kurze Überlegung. Ich habe so etwas nicht dabei. Wozu auch. Für die Takla Makan, weil schwarz tagsüber so wunderbar die Wärme des Sonnenlichts speichert und Budapester bei jeder Tour de France auf dem Podest an den Beinen der Sieger zu sehen sind? Ja. Genau deswegen habe ich das alles Zuhause gelassen.

 

Ich versuche die Lage zu sondieren. Auch Jürgen hat den feinen Zwirn angelegt. Nur eben ich nicht. Wunderbar. Dann muss ich auch nicht mit zur Kirche. Denke ich. Jürgen belehrt mich eines Besseren. Kurz bevor alle aufbrechen, wage ich einen letzten Ausbruchsversuch. "I stay here in the Hotel and take care...". Okay, war ja nur ein Versuch... Schon habe ich eine Kerze in der Hand und komme mir vor wie auf dem Weg zu meiner eigenen Kommunion. Blöd ist nur, ich bin 45 und konfessionslos. Religionen können mitreissend sein.

 

Es geht die Strasse runter und links zur Kirche. Wie heisst es so schön "das ganze Dorf ist da, das ganze Dorf ist da..."

Ich drück mich in eine Ecke hinter der Kirche und beobachte das Ganze aus sicherem Abstand. Drinnen läuft die Messe, draußen ist ein Podest aufgebaut. Irgendwann kommen die entscheidenden Personen nach draußen und besteigen mit ihren Messdienern das Podest. Verschiedene Dinge fallen auf. Alle gehen locker miteinander um. Keine zwanghaft ernsten Gesichter. Hier ein Lachen, dort ein Scherz. Warum das Militär in Uniform bei solchen Anlässen mit auf die Bühne muss, wird mir immer ein Rätsel bleiben.

Es wird gelesen und gesungen. Kurz fühle ich mich unwohl. Religion hat beängstigende Momente. Aber sofort bin ich wieder gefangen von der orientalischen Stimmung. Denke an die Türkei und den Iran. Freue mich auf Mashad und Samarkand.

Kleine Jungs begleiten das ganze Spektakel, indem sie Kanonenschläge, hinter alte, auf Mauern sitzende Griechen werfen. Kein Mensch regt sich auf. Alle sind locker und relativ unverkrampft. Dann ist 24 Uhr. Jesus oder wer auch immer ist auferstanden. Man zündet gegenseitig seine Kerzen an. Auch Meine. Dann wünscht man sich irgendwas auf griechisch und danach haben es alle eilig den Schauplatz zu verlassen. Meine Kerze merkt wohl, dass es bei mir mit der Christlichkeit nicht so weit her ist. Sie geht dreimal aus.

Im Hotel werden kurzerhand 3 Tische zu einer Tafel zusammen gestellt und die Suppen kommen auf den Tisch. Die Griechen beenden damit so etwas wie ihre einwöchige Fastenzeit. Die eine Suppe ist eine Rindfleischsuppe, ich entscheide mich für eine sämige Reissuppe, der etwas Zitronensaft zu einem interessanten, säurlichen Geschmack verhilft. Dazu gibt es Gebäck mit Käse gefüllt und als Krönung hat Jürgen als gelernter Konditor kleine Croissants gebacken, die mit Marzipan gefüllt sind.

 

Beeindruckend finde ich in Griechenland, dass es nahezu keinen Alkoholmissbrauch gibt. Und auch diese Familienfeier läuft komplett ohne Alkohol ab. Gegen 1 Uhr 30 verabschiede ich mich Richtung Bett. Kalinichta. Scheeee wars...

 

 

Freitag, 25. April 2008

 

Am Donnerstag bin ich ein weiteres Mal so was von positiv überrascht worden! Ich war doch wieder in meinem Lieblings-Internetcafe...und als ich dann so weit mit allem war, stehe ich auf und gehe an die Bar. Der nette, junge Grieche, der da jeden Tag arbeitet, war Zeuge meines Gesprächs mit der Griechin ein paar Tage vorher gewesen. Ich möchte also meine drei Stunden Internet und meine Flasche Wasser bezahlen. Wollen kann man ja bekanntlich viel. In meinem Fall klappte es nicht. Der Grieche grinst, gibt mir zu verstehen, daß ich nichts zu bezahlen habe und ich freue mich wieder mal wie ein Schneekönig. Es sind solche nette Gesten, die einem ein so unbeschreiblich schönes Gefühl geben.

 

Freitag morgen fühle ich mich wieder nicht so prickelnd, aber das Antibiotika scheint zu wirken. Pickel werden weniger, sind nicht mehr gelb und schmerzen auch nicht mehr bei jeder Bewegung.

 

Also runter zum Kaffeetrinken. Morgenplausch mit Jürgen. In die Sonne sollte ich ja auch nicht unbedingt mit dem Zeug in mir. Also Piano. Sudoku, wenigstens das Gehirn ein wenig trainieren. Danach Zimmer aufräumen. Wäsche waschen. Danach wieder runter. Jürgen hat heute den Familienfiesta oder die Hotelschleuder. Egal. Jedenfalls will er in Alexis' Haus. Er muss dort noch ein, zwei Stunden im Garten arbeiten. Unkraut jähten, Humus streuen. Er bietet mir an, mitzufahren und mir im Anschluss an die Gartenarbeit ein wenig die Insel zu zeigen. Das hört sich gut für mich an. Also fahren wir los. Jürgen bekämpft das Unkraut und ich sitze hinter dem Haus, löse Rätsel und schau auf die Bergkette vor mir. Man könnte meinen, man sei irgendwo im Allgäu oder anderswo in den Alpen. Der höchste Gipfel ist ungefähr 800 m hoch. Immerhin.

Dann helfe ich Jürgen beim Humus verteilen, beim fegen und aufräumen. Die Griechen kümmern sich nicht so um ihre Gärten, als deutscher Landschaftpfleger könnte man hier noch reich werden, meint Jürgen.

Lachend bemerke ich dann später, als wir im Auto sitzen, dass die eine Stunde für mich ganz okay war. Immerhin habe ich dieses Jahr noch nicht gearbeitet... und ich find es mal richtig cool.

 

Wir fahren ins Inselinnere und biegen dann links in Richtung Bergkette ab. Alles wird grüner. Verfallene Häuser, verfallene Dörfer versprühen ihren eigenen Charme. Blau-weisse Kirchen wie auf den Postkarten. Ziegen, unbefestigte Straßen. Jürgen zeigt mir ein verfallenes Haus das er gerne kaufen würde. Es hat ein Backhaus dabei und das reizt Jürgen natürlich ungemein. Aber keiner sagt ihm anscheinend wem das Haus gehört. Wie will er es dann kaufen und vor allem von wem. Auf dem Boot hatte er mir schon ein paar griechische Grundstücksgeschichten erzählt. Die wollt ihr nicht hören, glaubt mir.

 

Weiter oben, wo ich denke, die Welt sei zu Ende, kommt doch noch ein Dorf. Eine Taverne an der anderen. Eine romantischer als die nächste. Ich glaube, ich könnte einen guten Teil meines restlichen Lebens in diesen Tavernen sitzen, Tsatsiki, Bauernsalat und gefüllte Paprikas essen. Und danach erfrischenden Ouzo mit Eis und Wasser schlürfen.

 

Aber ich trinke nur noch Wasser. Alkohol und Antibiotika paßt nicht zusammen. Abends stellt Mr. Bean dann noch fest, was anscheinend alle wissen. Keine Milchprodukte!

 

Wir fahren wieder runter von den Bergen in die Ebene. Richtung Jürgen's Lieblingsstrand. Mir ist schlecht vor Hunger. Direkt am Hafen machen wir es uns gemütlich. Essen, trinken, geniessen.

 

Nach einer Stunde Mittagspause fahren wir wieder zurück nach Kos-Stadt. Einkaufen bei Lidl. Ich bin hundemüde und gehe auf mein Zimmer. In der Hotelbibliothek habe ich ein geniales Buch gefunden. Der Titel ist mir schon oft begegnet, nur war mir das Buch zu lange auf der Spiegelbestseller-Liste auf Position 1. Ihr wisst schon, Schafe gehen in Herden...

 

Das ist aber schon länger her, also, vielleicht ist doch was dran an dem Titel. "Schiffbruch mit Tiger".

Und es ist der absolute Knaller. Beziehungsweise, das Buch entwickelt sich beim Lesen dazu. Manchmal bin ich doch ein Schaf oder verhalte mich zumindest so...:-)))

 

Danach schlafe ich 2,3 Stunden. In Kos-Stadt beginnt demnächst die Osterprozession. Aber mir ist nicht nach Menschenaufläufen. Und wenn ich dabei die Feierlichkeit des Jahres verpasse. Mir ist einfach nicht gut und ich habe gelernt auf meinen Körper zu hören. Also lese ich weiter bis 24 Uhr, um mich dann in mein nächtliches Schicksal, dem Angriff der Moskitos, zu ergeben.

Ich bin müde und lösche das Licht...

 

 

Donnerstag, 24. April 2008

 

Gegen 5 Uhr weckt mich ein entferntes "kikeriki". Ich schlafe nochmal tief weiter bis 8 Uhr 30 und frühstücke dann wieder mit Jürgen. Wobei frühstücken eigentlich übertrieben ist. Seit ich in Kos bin, tun es zwei Tassen Kaffee. Mein Hunger meldet sich dann erst gegen 14 oder 15 Uhr. Es ist schon interessant wie sich das Essverhalten ändert, wenn man nicht mehr in der gewohnten Umgebung ist. Daheim hatte ich um 12 Uhr gegessen und nach Feierabend. Jetzt merke ich, dass das Rituale waren, denn mein Hunger meldet sich erst später.

Gegen 11 Uhr fahre ich auf die Post. Aber die ist rammelvoll. Ostern steht vor der Tür. Morgen ist es soweit. Die Griechen feiern später wie wir und es ist deren größtes Fest im Jahr. Mit Feuerwerk und allem Pi-Pa-Po. Also unverrichteter Dinge wieder raus. Ich habe keinen Zeitdruck. 

 

Ich habe Jürgen beim Frühstück versprochen, mir endlich mal sein Boot in der Marina anzuschauen. Gegen 12 Uhr komme ich dort an. Danach liegen wir fast 3 Stunden an Deck, schauen auf die anderen Boote und philosophieren. Über Umwelt und Politik, Leben und Beziehungen, über Gott und die Welt. Heute ist herrliches Wetter. Nordwind. Nach Tagen, in denen uns der Südwind um die Nase geweht war, endlich Nordwind. Die Griechen behaupten ja, der Südwind könne krank machen. Wer weiß... Der Nordwind schafft ein fantastisches Licht. Bodrum scheint zum greifen nah. Strahlend blauer Himmel. Ich mache Fotos. Es wird ein fantastischer Nachmittag.

 

Danach pflege ich meine Webseite und lese eMails. Danach gehe ich ein Eis essen. Das Antibiotika scheint zu wirken...

 

Frohe Ostern!

 

 

Mittwoch, 23. April 2008

 

Trotz Ichtholansalbe habe ich heute morgen den Eindruck, die Eiterpickel wären über Nacht wieder größer geworden. Gegen 10 Uhr treffe ich die Entscheidung eine halbe Tablette eines Breitbandantibiotikums einzunehmen.

Auf Ratschlag von Jürgen suche ich mir in Kos-Stadt ein nettes Internetcafé. Dort aktualisiere ich 2 oder 3 Stunden meine Webseite. Diesmal mit Erfolg. Eine junge, richtig nette Griechin spricht mich an und will wissen ob ich im Urlaub bin. Als ich ihr erzähle, was ich tatsächlich vorhabe, ist sie begeistert und wünscht mir beim Abschied viel Glück.

 

Irgendwie scheinen mich die Eiterpickel beim sitzen, laufen und liegen zu drücken. Ich hoffe auf die Wirkung des Antibiotikas.

 

Ich schlaf mittags ein wenig, wasche mal wieder Wäsche und gehe früh zu Bett, nachdem ich in Kos-Stadt zu Abend gegessen hatte.

 

Gegen 22 Uhr nehme ich nochmal eine halbe Antibiotikatablette, nachdem ich mich für eine Erhöhung der Dosis entschlossen habe. Ich versuche irgendwie günstig liegend einzuschlafen, ohne daß ein Bein auf dem anderen liegt und dadurch schon wieder Druck auf die kleinen, gelbroten Freunde entsteht.

 

 

Dienstag, 22. April 2008

 

Habe, wie gewöhnlich, bis ca. 8 Uhr geschlafen, geduscht, mein Zimmer ein bißchen aufgeräumt und bin dann runter zum Frühstück. Auf der Terrasse saß bereits Jürgen, der morgens immer leckeren Kaffee kocht und ich habe mich, mit einer Tasse Frischgebrühtem, dazugesetzt.

Wie so oft, seit wir uns kennen gelernt haben, sind wir ins erzählen und philosophieren gekommen. Er hatte ebenfalls einen Lebenstraum und hat ihn vor ein paar Jahren ebenfalls realisiert. Er hat sich in Köln (er is ne richtig "kölsche Jung"), mehr oder weniger im Garten, aus einem Bausatz ein ca. 8 m langes Segelboot nach eigenen Vorstellungen ausgebaut. Nach langen Überlegungen hat er dieses dann nach Venedig bringen lassen und ist dann vor 4 Jahren von dort aus in Etappen, meistens mit Freunden, in Richtung seiner Lieblingsinsel Kos gesegelt. Hier lebt er nun in einem Zimmer im gleichen Hotel wie ich. Nur ist er über die Jahre ein Teil der Hoteliersfamilie geworden. Jürgen ist in seinem Leben als Koch viel in der Welt herumgekommen, war in Zürich auf der Hotelfachschule, hat unter anderem in London gearbeitet, spricht englisch und griechisch und ist sehr belesen und am Leben interessiert. Seine "koelsche" Art, Dinge zu sehen und wiederzugeben, reisst mich oft schon morgens zu herzhaften Lachsalven hin. Es macht einfach Spass, ihm zuzuhören und sich mit ihm zu unterhalten. Rheinischer Humor, einfach köstlich.

 

Dann kam wieder so ein Frustmoment. Ich habe mich an das Hotelnotebook gesetzt und eine Stunde wie wild meine Erlebnisse auf meiner Webseite eingegeben. Als ich dann kurz mit einer Suchmaschine etwas recherchieren wollte, wurde die Seite nicht aufgebaut. Ich zurück zu meiner Seite. Na dann wollen wir doch mal wenigstens sichern...zu spät. Ich hätte k.... können.

 

Okay, dann halt nicht. Negatives muss mit Positivem verdrängt werden. Also bin ich auf mein Zimmer und habe meine Werkzeugtasche geschnappt und bin runter zu meinem Velotraum (www.velotraum.de) und habe mich im Spannen der Kette versucht. Ich hatte Uwe daheim schon mal dabei zugeschaut. Würde ich es hinbekommen?

 

Na denn. Zunächst den Kurbelabzieher reindrehen und die Kurbel damit lösen und abziehen. Dann die drei Imbusschrauben lösen, die das Tretlager im Rahmen fixieren. Da ich noch weiss, dass man später beim Festziehen eigentlich einen Drehmomentschlüssel benötigt, den ich nicht dabei habe, merke ich mir einfach wieviele Viertelsumdrehungen ich die Schrauben rausdrehe, bis das Tretlager mittels eines grossen Schraubschluessels verdreht werden kann, wodurch letztendlich die Kette gespannt wird. Lange Rede, kurzer Sinn: Uwe! Ich hab's hinbekommen und das Tretlager ist mir seitdem nicht um die Ohren geflogen! Was bin ich stolz!

 

Abends bin ich dann vor an die Strandmeile. Ich hatte da vor Tagen schon mal draußen in der Strandbar ein Bier getrunkten.

Also hingekurbelt, Pferd angeleint und rauf in den ersten Stock. Der Chef höchstpersönlich begrüßt mich und erkennt mich wieder. Das Café ist superchillig und gemütlich. So orientalisch, mit großen roten Salzleuchten und sehr liebevoll eingerichtet. Wieder bin ich der einzige Gast. Wir schauen ein Fussballspiel ohne Ton bzw. mit griechischer Popmusik. Na denn.

 

Ach ja, während des Spiels kommt ein anderer, etwas älterer Grieche rein, grüsst kurz und setzt sich frontal sehr nahe zum Clubbesitzer. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass der Bursche nicht gut drauf ist. Und, tatsächlich: nach kurzer Unterhaltung wirds laut. Beide schreien sich an. Der Clubbesitzer bleibt hart, der Andere steht auf und stellt die finale Frage. Der Clubbesitzer lehnt endgültig ab. Streit ist international und braucht keine Sprache. Nur um was geht es hier? Der Typ stapft die Treppe runter und ich denke kurz: hoffentlich werde ich jetzt nicht gleich Zeuge, wie vor meinen Augen der Typ mit ner Pumpgun zurückkommt und den Besitzer vor meinen Augen hinrichtet. Ich will nicht schon in Griechenland als Kollateralschaden enden. Aber nichts dergleichen geschieht. Manchmal hat man schon komische Gedanken...

 

 

Montag, 21. April 2008

 

Heute sah mein Ablauf etwas anders aus. Bin später aufgestanden und dann standen Besorgungen auf dem Programm. Zuerst bin ich aber mal ganz relaxt im Zentrum in ein Café gesessen, habe mir eine deutsche Zeitung gekauft und gefrühstückt. Griechischen Käsekuchen mit Nescafe. Obligatorisch bekommt man da ein Glas Wasser dazu. Das Schöne in Griechenland ist, daß die große Anzahl Cafés direkt morgens um 8 Uhr öffnet. Und man merkt sehr schnell, daß zum Beispiel die "alten Männer", also die, die noch älter sind als ich, nicht daheim in ihren Wohnungen vereinsamen, sondern sich in den Cafés treffen. Und wenn man dann gegessen und getrunken hat, bekommt man nie das Gefühl, man müsse jetzt nachordern, oder alternativ zahlen und gehen, nein, es ist eher umgekehrt. Wenn man noch etwas haben möchte, muß man sich kümmern. Sehr zwanglos und angenehm. Und die Cafés überleben trotzdem. Und die ganze Gesellschaft ist entspannter. Der Grieche als solcher erscheint einem auch recht zufrieden. Jeder grüßt morgens fröhlich und die Bedienungen machen kein Gesicht, als wenn sie zum arbeiten gegen ihren Willen verschleppt worden wären.

 

Danach habe ich noch ein paar Postkarten gekauft und bin anschließend zu einer Apotheke geradelt, um meinen Pflaster- und Kompressenvorrat wieder aufzufüllen. Die Vorräte sind durch meine kleinen, gelben Widersacher doch etwas dezimiert worden. Auf englisch nachgefragt, bekomme ich alles und das recht preiswert. Ich frage den Apotheker dann gleich nach der Post und finde sie danach zwei Straßen weiter. Die Post ist innen eigentlich eher wie bei uns die Banken ausgestattet. Es gibt keine stehenden Warteschlangen. Wie ich es bei uns von der Zulassungsstelle kenne, zieht man hier beim Betreten eine Nummer und setzt sich danach in eine der drei Sitzreihen. Irgendwann erscheint dann meine Nummer und ich bin dran. Von Alexis, dem Hotelbesitzer, weiß ich, daß man bereits vorgefertigte Pakete in vier verschiedenen Größen kaufen kann.

Ich erstehe zwei davon zum Preis von 3,- Euro insgesamt und kehre ins Hotel zurück. In meinem Zimmer nehme ich mir alle 6 Packtaschen unter dem Aspekt "Gewichtsreduzierung" vor. Überflüssiges wird heimgeschickt, die ersten Wochen war ich doch mit richtig viel Gewicht unterwegs. Gerade an den Anstiegen war es zum Teil unglaublich schwer das Rad weiterzubewegen.

 

Kleidung und Arznei wird eigentlich nicht angetastet, dazu ist es zu wichtig. Die Küche wird überprüft, aber ohne Einsparpotential. Ich komme ans Werkzeug. Um wirklich Gewissheit zu bekommen, lese ich die Werkzeugliste meines Rohloff Getriebes (http://www.rohloff.de/en/products/index.html).

Auf Empfehlung von Uwe hatte ich mir noch Tretlagerwerkzeug mit eingepackt, falls das Tretlager kaputt gehen sollte. Nun denke ich, daß er mir dann sowieso ein Tretlager schicken muß, da ab der Türkei die Ersatzteilversorgung auf die allergrößten Städte beschränkt bzw. unmöglich ist. Dann kann er mir auch das Werkzeug gleich mitschicken, denke ich. Genauso hatte ich großzügig einen Torxschlüsselsatz eingepackt. Tatsächlich benötige ich aber nur einen von zehn. Also werden neun jetzt zurückgeschickt. Ich treffe also eine Vorselektion und telefoniere abends mit Uwe, um keinen Fehler zu machen oder eine Überlegung einfach zu vergessen. Ich erzähle ihm dabei auch von meinem zweiten Strandtag. Kurz bevor ich den Strand verlassen wollte, war mein Rad vom Wind umgerissen worden. Dabei war die Kette rausgesprungen. Ich habe mir nichts dabei gedacht und die Kette mit blossen Händen mit gelöstem Hinterrad wieder aufgesetzt. Damit war der Fall für mich erledigt. Nicht fuer Uwe. Messerscharf analysiert der "alte" Schraubergott sofort: die Kette muss nachgespannt werden und dazu benötige ich einen erheblichen Anteil des Werkzeugs, das ich gerade heimschicken wollte. Sowas fasziniert mich.

Danach setze ich mich vors Hotel auf die Terrasse und treffe dort auf Jürgen. Wir kommen wieder ins philosophieren. Das Land scheint Philosophen aller Art geradezu anzuziehen.

 

Rückblick:

 

Als ich letzten Donnerstag Morgen so unsanft auf der Fähre geweckt worden war, musste ich schnell reagieren. Anziehen, Schuhe entknoten, Socken und Schuhe anziehen, Schlafsack in die Hülle stopfen, schauen ob nicht noch irgendwas an Deck rumliegt und dann nichts wie vor zu den Rolltreppen. Dort warten schon die anderen Passagiere aufs ausschiffen. Kaum bin ich dort und habe mir die Schuhe geschnürt, dürfen wir auch schon runter zu den Fahrzeugen. Jetzt muß wieder alles zügig gehen. Das Fahrrad entzurren, die große Packtasche hinten befestigen und den Rucksack und den Schlafsack vorher noch provisorisch darin einpacken. Dann rolle ich auch schon vom Schiff. Draußen warten ca. 100 Menschen. Angehörige, Freunde und Hotelpersonal, das Gäste abholt.

Das ist mir so früh morgens eindeutig zu viel Alarm. Ich manövriere durch die Menschenmasse. Die Begrüßungen sind oft sehr spontan, was die Durchfahrt nicht einfacher macht. Draußen ist es noch dunkel. Aber direkt am Landesteg ist ein mittelalterlicher, runder, dicker Turm, der beleuchtet ist. Sofort entscheide ich mich für den Platz davor. Hier kann ich in Ruhe alles wieder umpacken. Der Rucksackinhalt, der ja fürs Schiff das Notwendigste beinhaltete, muss nun wieder richtig verteilt werden. Die Aufteilung selbst habe ich vom vielleicht bekanntesten Globetreter Tilmann Waldthaler (http://www.tilmann.com/en/index.php) übernommen. Die kleinen Packtaschen vorne beinhalten rechts die "Küche" und links die "Werkstatt". In den großen Packtaschen hinten befinden sich links der "Kleiderschrank" und rechts die "Apotheke" und das "Badezimmer", mit jeweils allem was dazu gehört. Die Lenkertasche ist das "Büro" mit Landkarten, Pässen, Kreditkarten, Stirnlampe, Klappmesser, Pfefferspray, kleinem Gewürzstreuer, Essbesteck, Ladegeräte, Ersatzbatterien, Kameras und Handy sowie Notizbuch. In der grossen, gelben Packtasche befindet sich das "Schlafzimmer", Schuhe und Diverses.

 

Als alles wieder in den richtigen Taschen verschwunden ist, entdecke ich mit Freude die 1,5 l Mineralwasserflasche am Fahrrad. Das ermöglicht es mir nun die Zähne zu putzen und mich ein wenig frisch zu machen. Danach fühle ich mich wieder wie ein Mensch. Schön.

 

An der alten Mauer, die sich an den Turm anschließt, radle ich Richtung Kos-Stadt und dem Sonnenaufgang entgegen. Es ist kurz vor 6 Uhr und alles scheint zu schlafen. Das ist die perfekte Zeit um sich mit der Infrastruktur der Stadt und ihrem Aufbau vertraut zu machen. Ich sehe die ersten Hotels an der Promenade und merke sie mir. Am Ende der Promenade biege ich in eine Seitenstrasse und finde eine Bank. Da ich nur noch 20 Euro auf Tasche habe, wird es Zeit für eine Transaktion. Das letzte Mal hatte Mr. Bean in Korinthos Geld abgehoben und dabei festgestellt, daß er die PINs für seine neue DKB eC und Kreditkarte nicht mehr wußte. War natürlich genial, denn Mr. Bean hatte ein Konto bei der DKB ausschließlich deswegen kurz vor seine Reise eröffnet, weil man mit den Karten weltweit gebührenfrei Geld abheben kann. Nun ist es für Mr. Bean nicht gebührenfrei, sondern UMSONST!

 

Ich sehe immer wieder ein neues Hotel, bin aber noch in der Sondierungsphase. Eine zweite Runde ist angesagt und es ist ja auch noch früh. In einer Seitenstraße komme ich an einem kleinen, hübschen Hotel vorbei. Auf der Terrasse davor sitzt ein grauhaariger Mann mit Schnauzer und Brille und schaut mir interessiert hinterher.

 

Ich drehe eine dritte Runde und plötzlich ist die Entscheidung gefallen. Das kleine, hübsche Hotel in der Seitenstrasse. Ich biege ein, der Typ sitzt immer noch davor. Ich halte, er steht auf und ich frage ihn: "do you speak englisch?" - "yes, a little bit" lautet die Antwort. Während er das sagt, registriere ich bereits den deutschen Akzent und ich frage: "you also speak german?" - "yes". Ich bin schon abgestiegen, gehe über die 2 Stufen runter auf ihn zu, strecke meine Hand hin und spüre sofort Vertrauen. Deswegen sage ich sofort "Dirk" - er erwidert "Jürgen" und ab da ist alles klar. Er ruft die Chefin, ich bekomm ein Zimmer fuer 25 Euro (!) und die nächsten 3 (!) Stunden sitzen wir auf der Terrasse und tauschen unsere Reisegeschichte aus. Erst danach beziehe ich mein Zimmer. Ich habe einen neuen Freund gefunden.

 

 

Sonntag, 20. April 2008

 

Bin gegen 9 Uhr, wie fast immer, aufgestanden und habe meinen Kaffee getrunken und bin danach wieder an den Strand. Es war unheimlich starker Wind, sodaß ich ein paar Mal überlegt habe, ob das Ganze Sinn macht. Aber vielleicht ist es ein gutes Training für die Takla Makan (http://de.wikipedia.org/wiki/Takla_Makan)... also bleibe ich ;-)).

 

Abends bin ich dann noch Essen gegangen. Es ist wirklich interessant, ohne Kühlschrank zu leben. Ich gehe hier immer erst essen, wenn ich wirklich Hunger habe und das ist meist erst nachmittags gegen 14, 15 Uhr und dann abends wieder. Hey, ich werde immer schlanker!

 

Samstag, 19. April 2008

 

Das Wetter war bombig, also bin ich durch Kos-Stadt zum Strand geradelt. Da draussen sind eine Disco und ein Strandlokal am anderen. Wie in Ibiza, Malle oder vergleichbaren Inseln. Mit dem klitzekleinen Unterschied: die Saison fängt erst am 25.04. (griechisches Osterfest) an! Ich war also mehr oder weniger allein am Strand und habe das erste Mal seit gut 16 Monaten wieder im Meer geplantscht. Da kam die Erinnerung wieder an den Blouwbergstrand von Kapstadt hoch. War auch genial.

Habe ein bißchen Sudokus gelöst oder einfach aufs Meer geglotzt. Mr. Bean hatte sich dann auch ziemlich nah ans Wasser gelegt, was natürlich umgehend belohnt wurde. Während ich so einem größeren Schiff fasziniert beim anlegen zuschaue, merke ich plötzlich, wie so ein Fährentsunami auf mich zukommt. Naja, die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt, nur in diesem Fall hätte ich mich mal besser um meine Klamotten, Handtücher, Schuhe, Socken, Hose und Shirt, Griechischsprachführer und meine Rätselhefte gekümmert. So saß ich eigentlich mitten im Geschehen und war baff überrascht, daß ich komplett unter Wasser gesetzt wurde.

Den Rest des Nachmittags habe ich dann mit sonnenbaden, schwimmen und vor allem dem trocknen meiner Klamotten an meinem Fahrrad als Ersatzwäschestaender verbracht.

 

Danach bin ich auf ein Bier in so ein Strandlokal gesessen, wo ich wahrscheinlich der erste Individualtourist dieser Saison war.  Als Belohnung bekam ich dann auch nen Ouzo spendiert. Das Personal war überall mit dem renovieren und reparieren beschäftigt.

 

Den Abend habe ich damit verbracht, die Webseite zu pflegen.

 

 

 

Freitag, 18. April 2008

 

Da ich selbst mit mir nicht mehr Schritt halten kann, beginne ich sofort mit der Fortsetzung meines Rückblicks:

 

Am Dienstag abend hatte ich nochmal in meinem "Schullandheim" in Agii Theodori zu Abend gegessen und davor noch ein höchst philosophisches Gespräch mit meinem Freund, dem griechischen Rezeptionisten geführt. Jedenfalls verstanden wir uns prächtig. Ich habe da das erste Mal das Gefühl bekommen, daß dieses Land die Philosophen hervorbringt und magisch anzieht. Dazu aber an anderer Stelle mehr.

 

Ich ging schlafen und es war mir klar geworden, dass ich, wenn ich heim wollte, bisher keinen Weg gefunden hatte, wie ich das bewerkstelligen sollte. Ihr wundert Euch? Ist aber relativ einfach.

 

Der vermeintlich einfachste Weg wäre, mit dem Rad zurück nach Patras, mit der Fähre nach Ancona und mit dem Zug nach Stuttgart. Das Ding hatte nur einen Haken. Die zwei Tage zurück nach Patras. Das ging nicht. Nicht mit dem Rad. Und irgendwie auch nicht mit dem Zug. Mehr kann ich nicht erklären. Doch. Wieder Intuition. Wieder inneres Sträuben ohne Erklärung.

 

Also vorwärts. Bis Athen, okay. Aber dann zum Flughafen oder zum Bahnhof? Ich kanns Euch wieder nicht erklären, aber mein Hirn sträubte sich gegen die Vorstellung. Also mache ich das, was ich mir vorstellen kann.

 

Ich stehe am nächsten Tag auf, frühstücke und sattel mein Pferd. Wieder geht ein unglaublich böiger Wind, tagesweise typisch für diese Region. Die Rezeptionistin fragt mich, ob ich keine Probleme mit dem Wind bekommen würde und ich antworte mit einem inneren Grinsen, wie immer bei solchen Fragen: "das werde ich beim fahren herausfinden..."

 

Die Sonne scheint, knapp 20 Grad und ich verlasse den Hotelparkplatz, biege rechts in die alte Nationalstraße ein und nach 500 m passiert es.

Ich schaue nach rechts und die wunderbarsten Ausblicke auf Strände und Küste zaubern mir augenblicklich das breiteste Grinsen ins Gesicht. Mit jeder weiteren Minute Fahrtzeit manifestiert sich das Szenario. Das ist keine Ausnahme, ab jetzt wirds richtig herrlich zum fahren. Ich schaue in die Ferne und sehe wie sich das Band der Küstenstrasse sanft an der Meereskante auf und ab schlängelt. Ich fasse es nicht. Bin ich wirklich vorgestern an der letzten häßlichen Kurve ins Hotel getorkelt. Wäre 500 m weiter alles vergessen gewesen?

Egal. Jetzt ist es jedenfalls gigantisch. Kurz bevor es rechts Richtung Fähre Salamina abzweigt, habe ich bei einer Abfahrt wirklich das Gefühl auf Athen zuzufliegen. Ich habe Rückenwind und denke an das Lied der Stuttgarter HipHop Band "Fanta 4", was mich innerlich singen lässt. In einer Bäckerei kaufe ich mein zweites Frühstück. Der Bäcker will mich auf griechisch vor irgendetwas in seinem Backwerk warnen, aber einmal gut drauf, riskiere ich alles. Und gewinne. Eine leckere, heiße Wurstscheibe überrascht mich im Inneren.

 

Um in den Ort zu kommen habe ich die alte Nationalstraße verlassen. Das ist immer mit dem Risiko verbunden nicht wieder zurückzufinden, es sei denn, man fährt tatsächlich den gleichen Weg zurück, was immer doppelte Strecke bedeutet. Ich finde aus dem Ort raus und auf Anhieb finde ich den Abzweig zur Fähre nach Salamina. Salamina ist eine Insel, die Athen und Piräus vorgelagert ist. Piräus selbst ist eigentlich der Hafen von Athen, aber weder die Fussballfans von Olympiakos noch die Bewohner selbst dürften das so sehen ;-). Ich wähle diese Route um die 5-Millionen-Stadt weiträumig zu umfahren. Ich kann mich für Städte nicht begeistern. Einsame Landstriche sind mir lieber. Es geht an ein paar mächtigen Öltanks vorbei, eine kleine abschüssige Straße folgt und als ich um eine Ecke biege, sehe ich vor mir das türkisblaue Wasser und die Fähranlegestelle. Da stehen auch ein paar LKWs und PKWs und ich denke zuerst die Fähre lege gerade ab. Aber da das ja mal wieder ein guter Tag ist, manövriert sie nur, legt an und schon bin ich im Bauch des Schiffs verschwunden. Einer der Schiffsgriechen bewundert mein Rad und will wissen wo ich herkomme und wo ich hinwill. Es grinst breit und zeigt mir seinen Respekt. Ich mache ein paar Fotos und freue mich selbst, daß ich mein Tief überwunden habe. Zur Belohnung esse ich mit Genuss noch ein Stück Zimtgebäck, das ich für diesen Zweck gebunkert habe. So läßt es sich leben. Nach 5 Minuten legen wir schon in Salamina an. Es geht wieder an der Küste entlang. Zwischen den Bäemen, über den Schaumkronen des unruhigen, türkisfarbenen Meeres, erkenne ich in der Ferne die Vororte Athens. Das Ganze sieht aus wie in einem Science-Fiction Film. Irgendwie unwirklich. Wie eine Fata Morgana. Ein kleiner Ort mit Anstieg folgt, dann geht es abwärts und ich komme in einen unerwartet großen Ort. Und dann sehe ich auch schon den Hafen und unzählige Fähren. Anscheinend wohnen hier ziemlich viele Menschen, die zum Arbeiten nach Athen oder Piräus übersetzen. Auf der Fähre sind schon sehr viele PKWs, Roller und Motorräder. Ich bin der Einzige mit Fahrrad. Im Auto neben mir sitzen 4 Männer mit Headset, einer liest Zeitung. Die alte "Arbeitswelt" lässt grüssen. Wieder freue ich mich, nicht dazu zu gehören. Meine Aufgabe kommt mir attraktiver vor.

Nach 15 Minuten sind wir in Piräus. Unruhe macht sich breit. Jeder will der Erste sein. Außer ich. Ich will Letzter sein. Der Letzte hat nämlich allen Platz und Ruhe.

Ich fahre von der Fähre und seh mich unverhofft früh am Ziel meiner Träume. Everest steht in dicken, roten Lettern auf dem ersten Dach. Das Dach gehört zu einem Cafe. Also doch nicht.

 

Was jetzt folgt, ist mein Gesellenstück in Punkto fahren im Großstadtdschungel. Wie hatte mein Freund in Agii Theodori gesagt? Die meisten griechischen Autofahrer nennen Radfahrer "moving targets". Na denn. Dann wollen wir uns mal so "moven", dass sie mich nicht treffen. Auf einer engen zweispurigen Straße geht es vom Fährhafen weg zum Zentralhafen. Wie schon die ganzen Tage davor, habe ich meinen Rückspiegel eigentlich nie benutzt. Ich vertraue viel mehr auf mein Gehör und die Ausstrahlung meines Radlerselbstvertrauens. Will heißen: immer nach vorne schauen, keine hektischen Bewegungen, ruhig und gerade anfahren, nicht schwanken und sich seiner Position bewusst sein und diese behaupten. Das hat bisher gut funktioniert. Schnell habe ich schon in Patras herausgefunden, wenn Griechen hupen, dann tun sie dies um einen zu warnen. Zu vermitteln: "ich bin hinter Dir". Sie überholen dann mit respektvollem Abstand oder warten auf ein Zeichen von mir. Waghalsigkeit kommt eigentlich nicht vor. Rechts gehts zum Zentralhafen. Ich verfahr mich, sehe viele Schiffe, kann aber von einer Anhöhe aus nicht erkennen wo ich eigentlich hin muß. Einmal fragen und der Rest wieder frei Schnauze. Und dann bin ich vor den Gates. 15 an der Zahl. Irgendwo finde ich die Einfahrt. Finde das Ticketbüro. Geschafft. Rad abstellen. Reingehen.

 

Der Plan ist Mykonos. Mein griechischer Freund meinte, das sei die schönste Insel Griechenlands oder sogar der Welt. Das hört sich gut an. Ich frage nach der nächsten Fähre dorthin. Morgen früh um 7 Uhr. Dann eben doch nicht. Ich denke nicht mal im Traum daran mir in Piräus ein Hotel zu suchen. Es ist 15 Uhr 30. Nach Kos? Geht die nächste um 19 Uhr. Preis? 44 Euro. Meine Kreditkarte landet auf der Theke. Die Würfel sind gefallen. Es geht unaufhaltsam Richtung Türkei. Jetzt habe ich Appetit auf Fisch und ein kaltes Bier. Eiskalt. Die Dame erklärt mir auf meine Frage hin, daß ich  an meinem Gate alles finde, was ich mir wünsche. Ich muss zu Gate E2. An allen anderen Gates vorbei. Später merke ich, daß es locker 2 km bis dorthin sind. Einfach. Mit dem Rad nicht weiter tragisch. Als ich dort ankomme werde ich ein klein wenig sauer. Starbucks. Ich steige ab und geh rein. Dann drehe ich mich um und gehe wieder raus. Consumer Society. Wie ich diese amerikanischen Fast-was-auch-immer-Ketten hasse! Weltweit sieht der Orangensaft gleich aus und schmeckt auch gleich. Wem's schmeckt. Mir jedenfalls nicht.

 

Also zurück. Weg von den Gates. 50 m geradeaus. Der Nase folgen. Links rum an zwei streunenden Hunden vorbei - Ja! Gyros Pita statt Donuts und eiskaltes Mythosbier statt "coffee-to-go"!

Hier verbringe ich die nächsten 2 Stunden in einem kleinen Mikrokosmos von indischen Straßenhändlern, alten Griechen und Touristen die auf ihre Fähre warten. Der Kellner hat ein Handicap und alles ist irgendwie schief. Das gefällt mir. Menschlich, warmer Service statt antrainierter Freundlichkeit.

 

Gegen 18 Uhr fahr ich wieder rüber zu meinem Gate. Ich darf rauffahren. 2 Stunden vorher war Mr. Bean mal wieder einfach auf die Fähre gerollt, ohne zu bemerken dass die noch beim ausladen waren. Aber dafür gibts ja Schiffspersonal. Ein junger Schiffsoffizier hatte mich wirklich nett darauf hingewiesen, dass ich noch nicht dran wäre. Das erklärte natürlich auch die wartenden Menschen und Fahrzeuge vor dem Schiff, die ich zum erstaunen derer einfach links liegen gelassen hatte. Also aufgesessen und rechts rum. Plötzlich sehe ich in die angstgeweiteten Augen des Schiffsoffiziers und bremse sofort, als ich zeitgleich ein bedrohlich lauter werdendes Geräusch hinter mir höre. Okay, gegen den Brummi hätte auch ich keine Chance gehabt.

 

Diesmal steht der nette Schiffsoffizier vor dem Schiff und erkennt mich sofort. Zuerst schaut er mich streng an, denn er hat mich erkannt und wahrscheinlich hatte er vor 2 Stunden einen größeren Schreck bekommen als ich, denn ich wäre ja von hinten überfahren worden, er hätte es jedoch von vorne mit ansehen müssen.

Dann grinst er nur und sagte "take care!", was ich ihm aus tiefster Überzeugung zusichere.

Was dann folgt, ist wieder so eine Sache mit der man als Radler relativ allein klar kommen muss. Von Ancona weiß ich, daß das Rad rechts oder links an die Schiffswand muss. Jetzt muß ich jemand in dem Beladungschaos zwischen einfahrenden und rangierenden Brummis finden, der der gleichen Meinung ist. Ich finde Einen. Ich warte noch ab, bis ein LKW vor der Wand steht, dann positioniere ich meinen "Velotraum". Während der LKW 50 cm neben mir seinen Anhänger abhängt und weiter rangiert, entzurre ich meine große gelbe Packtasche und stell mir aus den anderen 4 Packtaschen die wichtigsten Dinge für die Fährenüberfahrt zusammen. Rasierer, Rasierschaum, Zahnbürste, Zahnpasta, Beisserschiene, Deo, iPod, Handy, Ladegerät, Fleecepulli, Schlafsack, Sudokuheft, Schreiberling, Reisepass, Kreditkarten, Geld, Stirnlampe. Die Jungs um mich herum werden unruhig. Ich soll mich beeilen. Ich laß mich nicht aus der Ruhe bringen. Um mich herum Holzböcke mit schwarzer Schmiere. Ja nicht drankommen. Alles kommt in meinen Rucksack. Ab ins Schiffsinnere. 2 Rolltreppen hoch. Dann über Treppen weiter nach Oben. Nach hinten. Ins Freie. Da ist am wenigsten los. Denkste. Auf dieser Fähre nicht. Egal. Ich kauf mir 2 Dosen Bier und setz mich an Deck. Alle schauen runter in den Hafen. Nur ich nicht. Ich sitz da und öffne mein Bier. Aber es ist zu windig. Also rein. An einen freien Tisch. Langsam sondiere ich meine Mitreisenden. Soldaten, Gruppen von Jungs und Mädels, Familien.
Griechenland ist das Land der Inseln und damit natürlich auch der Fähren. Es gibt wohl kein anderes Land auf der Welt das so viele Fähren einsetzt. Das ist hier eines der gängigsten Verkehrsmittel.

 

Wir fahren los und ich merke sofort, daß die Fähre mal richtig PS besitzt. Wo ist die Sonne? Links. Ich geniesse den Abendhimmel, die wenigen Wolken und die unverwechselbaren Silhouetten der griechischen Inseln,  die sich in verschiedenen Graustufen, je nach Entfernung vom Meer abheben.

 

Einen Tisch weiter sitzt Einer allein. Nach 2 Minuten bin ich im Gespräch mit Fanis. Techno-DJ in Athen oder irgendwo in der Welt. 4 Stunden Arbeit bekommt er mit 400 bis 600 Euro bezahlt. Wir stossen an, quatschen 3 Stunden über Diskos und Frauen, Musik, meine Tour und sein Leben, über seine Eltern und seine 2 Freundinnen. Eine auf Siros, eine in Athen. Da dürfte nix schiefgehen. Wir werden Freunde. Kurz vor Siros tauschen wir die eMail-Adressen. Ich bin auf Siros eingeladen und versuche ihm einen Auftritt in Stuttgart zu vermitteln. Wir sehen uns wieder, da sind wir sicher.

 

Als wir in den Hafen von Siros einlaufen bin ich begeistert. Die Hafenstadt sieht so was von gigantisch aus bei Nacht, daß ich mir vornehme Fanis wirklich eines Tages zu besuchen. Ich versuche ihn beim ausschiffen zu entdecken, verpasse ihn aber irgendwie.

Es macht richtig Spaß, seit ich losgelassen habe. Ich hätte es wissen sollen. Anders wäre mir diese Tour mit einer so kurzen Vorbereitungszeit von nur 5 Monaten doch auch nicht gelungen.

 

Ich putze meine Zähne und suche mir einen Schlafplatz. Ich denke an Kos. Und dann kommt mir die Idee. Ich mache es wie Heinrich Harrer es in seinem Buch "die weiße Spinne" beschrieben hat. Als er und seine Bergsteigergefährten zum ersten Mal die Eiger Nordwand bezwingen wollten, hatten sie sich in Grindelwald auf der kleinen Scheidegg einquartiert. Von dort aus hat man einen gigantischen Blick in die ganze Wand. Sie hatten dort wochenlang gesessen und jede Einzelheit in der Wand studiert und sich eingeprägt. Und dann waren sie in die Wand eingestiegen und haben sie als Erstbesteiger bezwungen.

 

Von Kos aus sieht man nach Bodrum rüber. Mit dem Schiff eine Stunde. Man sieht die Berge hinter Bodrum, die ein Vorgeschmack auf die nächsten Wochen sein werden. Ich werde immer wieder rüberschauen, mir versuchen vorzustellen, wo es hoch geht, wie lang, wie steil. Ich werde mich erholen. Meine eitrigen Stellen behandeln. Und dann werde ich irgendwann nächste Woche übersetzen und weiterradeln...

 

Dann schlafe ich ein...

 

Donnerstag, 17. April 2008

 

Heute morgen bin ich gegen 05.30 Uhr von einer Lautsprecherdurchsage geweckt worden. "Passengers with exit to Kos please go immediatey to the gate because we arrive in the harbour of Kos in a few minutes". Da war ich natürlich sofort hellwach und schälte mich aus meinem Schlafsack in einem windgeschützten Bereich des Oberdecks der Fähre.

 

Rückblick. Vorgestern abend hatte ich mein bisher grösstes Tief als ich in einem Hotel 65 km vor Athen am Ende eines langen Tages ankam. Korinthos war wieder eine Grossstadt aus der ich wieder nur mit Umwegen herausfand. Immer wenn zuviele Häuser um einen herum "stehen" fällt es dem Radnomaden unheimlich schwer sich zu orientieren. Ich habe ja keine detaillierten Stadtkarten dabei. Also navigiere ich grob nach Himmelsrichtungen. Nur Strassen können Sackgassen sein und wenn man dann das Meer als Orientierung aus den Augen verliert wird es zuhnehmend schwer. Ich habe gerade noch den berühmten Kanal von Korinth auf einer Pontonbrücke ueberquert, komme am Casino vorbei und schon geht's irgendwie nicht weiter. 2 Jungs waschen ihr Auto am Strassenrand. Ich spreche sie an: "Parakolo Athina?" und zeige auf der Karte auf die alte Nationalstrasse in diese Richtung. Sie antworten mir mit einem Hinweis wie ich nach Korinthos zurück komme. Dann die erstaunte Frage auf Kauderwelsch-Englisch: "you want to go to the Athens by bike???" - Ja, das will ich. Schliesslich erkäeren sie mir dass ich 200 m zurück muss und dann links vor dem Kanal immer geradeaus. Mein Orientierungssinn war nicht so schlecht. Als ich zurück fahre sehe ich ein Schild "Athina", blöd ist nur, dass das Schild von der Seite, von der ich vor 5 Minuten gekommen war, nicht beschriftet war. Aber an sowas gewöhnt man sich im Laufe der Reise. An der näechsten groesseren Gabelung wieder kein Schild. Intuitiv würde ich rechts fahren. Ich frage und bekomme die Bestätigung. Das gibt einem natürlich wieder Selbstvertrauen in die eigenen Fäehigkeiten und den Glauben es schaffen zu können. Es geht an einer grossen Strasse leicht bergauf raus aus Korinthas. Kurz vor einer Kuppe sehe ich rechts einen Schotterplatz. Ich schmecke nur noch Staub und habe schon lange nichts mehr getrunken, also halte ich, setze mich neben das Rad und trinke in grossen Schlücken. Ich sollte solche kurzen, aber sehr erholsamen Pausen regelmässiger machen. Aber das ist so eine Sache. Fahre ich morgens los, geht alles ganz leicht. Die erste Stunde vergeht im Flug. Dann ist man im Fluss. Man fährt und fährt und fährt. Mache ich dann eine Pause, habe ich immer das Gefühl nicht mehr richtig in Fluss zu kommen. Also keine Pause. Das geht aber auch nicht, denn irgendwann merkt man dass man dehydriert oder auf den Hungerast kommt. Die Zeit wird es zeigen...

 

Raus aus Korinthas sind es noch 13 km bis zu einem kleineren Badeort. Agii Theodori. Diese 13 km werden dann irgendwie sehr frustrierend. Mit der Kraft am Ende, wieder zu wenig gegessen, links die Autobahn über mir, rechts ein Industriegebiet, dann eine Raffinerie. Nix fürs Auge. Zumindest nichts für meine. Dann das Ortsschild. Jetzt nur noch ein Hotel finden. Ich schaue rechts und links, kann aber keines entdecken. Und ich habs gern etwas abgelegener und ruhiger. Plötzlich das Ortsende. Oh, nein und kein Hotel! Ich fahre an die Strandpromenade, aber nur geschlossene, renovierungsbedürftige, halb verfallene Ruinen. Irgendwie typisch für diesen Teil von Griechenland - in Italien oder Deutschland schwer vorstellbar. Beste Lage, aber keinen interessiert es anscheinend. Rechts ein grosses Hotel - geschlossen. Noch mal 6 km kurbeln. Erscheint einem nicht viel, aber am Ende eines langen Tages will man irgendwann nicht mehr. Und zelten? Geht nicht. Überall irgendwie nur verkommene Grundstücke und die Griechen mögen das wilde Zelten nicht. Also weiter. Als ich mich gedanklich schon mit den 6 km auseinandersetze, macht die Strasse eine Biegung und ich glaube an eine Fata Morgana.Leuchtet dahinten nicht ein kleines Schild "Hotel"?. Das ist so ein Moment auf so einer Reise, wo man langsam weiterfährt, mit der Angst sich vielleicht doch getäuscht zu haben oder das Hotel hat dann doch geschlossen. Nein, da stehen Autos davor. Rad abgestellt. Glastüre. Wenn die jetzt zu ist. Alles Gedanken, die man dann hat, aus Angst doch weiter zu müssen. Mir ist schon auf den ersten Etappen klar geworden, was wir daheim als selbstverständlich hinnehmen. Abends heimkommen zu können. Einfach aufschliessen, Schuhe aus, unter die Dusche. Frische Klamotten. Unterwegs ist das jeden Abend die gleiche Unsicherheit. Nicht zu wissen wann und wo. Das hatte ich mir so nicht vorgestellt. Ich wollte viel zelten. Aber in Norditalien und Griechenland, auf meiner Route war das nicht möglich. Zu dicht besiedelt. Wer hätte es gedacht?

 

Das Hotel hat seine besten Zeiten hinter sich und könnte für mich auch irgendwo in den GUS-Staaten stehn. Als ich reinkomme, fühle ich mich ein bisschen an "Shining" mit Jack Nicholson erinnert. Bin ich der einzige Gast in der Bettenburg mit ca. 80 Zimmern? Ein junger Mann kommt auf mich zu und schaut mich fragend an. Ich frage ihn "Do you speak english?"- er bejaht und fragt mich was ich möchte. Ich bin irritiert. Was ich will??? Erstaunt frage ich ihn ob das Hotel denn offen hat.

Ja, klar.

Na dann möchte ich ein Zimmer.

Gerne.

Der Grieche taut auf. Als ich frage, wo ich mein Pferd sicher unterbringen kann, brechen alle Dämme. Das Pferd kommt ins Hotel! Ich schiebe es durchs Foyer in einen Nebenraum. Perfekt. Ich und der Grieche sind Freunde. Er will meinem Ausweis und dann kommt wieder die erstaunte Frage: "did you come all the way from germany with that bike?".

 

Es stellt sich raus, dass neben mir noch ne französische Schulklasse im Hotel abgestiegen ist. Schullandheimatmosphäre. Klappernde Türen, kichernde Mädchen, laute Jungs. Das Restaurant öffnet um 20 Uhr. Ich muss nicht der Erste sein. Ich lasse die Klasse sich austoben. Dafür gibts für mich nur noch Reste am Buffet. Das bessert meine allgemein depressive Stimmung nicht. Irgendwas stimmt nicht. Ich muss es versuchen herauszufinden. Stift, Blatt, Bier. Reflektieren. Bewerten. Analysieren. Mindmaps. Woran liegt es? Was passt. Was passt nicht. Ich jage mich selbst jeden Tag um den Schnitt von 75 km zu ereichen. Ich hatte nur Kälte und Regen in Deuschland. Ich bin immer nur am Strassenrand einer Hauptverkehrsader gefahren. Anders ist es generell nicht zu schaffen in der geplanten Zeit nach China zu kommen. Ich kann nicht einfach mal ne Nebenstrecke fahren. Erstens gibts davon nicht viel, zweitens kosten "Verfahrer" zu viel Zeit, drittens habe ich nur grobe Übersichtskarten aus Gewichtsgründen.

 

Nach dem Rückblick kommt der Blick nach vorne. Land für Land gehe ich die Strecke durch. Denkfehler bei der Planung. Euphoriebedingt. Es wird sich nicht ändern. Das hier ist nicht "Big Mountain riding". Das ist Trekking mit dem Rad. Auf der Strasse, nicht auf dem Hochgebirgspfad. Orte und Städte, statt Berge und Gebirgsdörfer. Autoabgase anstatt dem Duft von Kiefern und Tannen oder Kräuterwiesen. Es wird nicht besser! In der Türkei gefährlicher. Im Iran heisser. Auf der Seidenstrasse staubiger. Ich treffe eine Entscheidung. Ende. Es macht keinen Spass.

 

Dazu kommen die Schmerzen. Im Schritt. Am Damm. Wundgescheuert, entzündet. Also muss ich nach ein paar Stunden anfangen 50 x Wiegetritt im stehen, danach wieder sitzen bis es weh tut. Je länger ich das mache, umso mehr meldet sich mein linkes Knie. Vor 2 Jahren bin ich mit dem Knie auf einen Fels gestürzt und hatte meine Protektoren nicht an. Seitdem meldet es sich bei Überbelastung. Gott sei Dank ist das am nächsten Morgen wieder schmerzfrei.

 

Ich gehe ins Bett. Die Sache noch mal überschlafen. Was kommt nach dem Abbruch. Wie komme ich heim? Von Ancona aus mit dem Zug wäre angenehm. Aber mit dem Rad zurück nach Patras? Nein. Weiter nach Athen und in dem Moloch den Bahnhof finden? Ich schlafe ein...

 

Am nächsten Morgen frühstücke ich. Gedanklich hat sich nicht viel geändert. Und ich bin nicht fit. Nach dem Frühstück lege ich mich nochmal hin. Bis 10 Uhr. Ich treffe wieder eine Entscheidung. Ich muss den Druck rausnehmen. Ich verlängere um eine Nacht. Schlafe weiter bis 13.30 Uhr. Inkubationszeit fürs Hirn. Ich lasse es im Schlaf für mich arbeiten. Es hat jetzt alle Fakten. Mal sehen was rauskommt. Nachmittags lege ich mich auf den Balkon und sonne mich, lasse die Seele baumeln. Mir wird klar, dass es auf keinen Fall heimgeht. Immerhin scheint hier die Sonne, ich bin in Griechenland. Ich schaue in die Karte. Kykladen, Aegäis. Da kann man auch mal ein paar Wochen verbringen. Oder Monate? Das Gepäck reduzieren und "Island Hopping" machen! Das ist es. Ich telefoniere mit Freunden. Alle helfen mir durch die Gespräche ungemein. Ich kann zurück.  

 

Mittwoch, 16. April 2008

 

 

Bis Piräus: 50 km in knapp 3 Stunden.

Ticket für die Fähre nach Kos: 44 Euro.

Abfahrt: 18 Uhr.

Fahrtdauer: 14 Stunden.

 

Dienstag, 15. April 2007

 

Habe hier in Agii Theodori ein preiswertes Hotel entdeckt und bin gestern abend und heute den Tag über in mich gegangen.

Ich habe die ersten 12 Tage Revue passieren lassen und dabei hat sich für mich herauskristallisiert daß mir vor allem eines abgeht:

der Spaß.

Wer mich kennt, der weiß, daß es mir gerade beim Bergradeln um die Ruhe in den Wäldern und Bergen geht. Da nimmt man jede Strapaze gern in Kauf.

Hier fahre ich seit 2 Wochen nur am Straßenrand, umgeben von Autos und Lärm.

Das wird in der Türkei noch extremer und gefährlicher und wird bis Tibet so sein.

Ob ich daran noch Spaß finde, wird sich die nächsten Tage zeigen.

 

Montag, 14. April 2008

 

Bin heute am Meer entlang 90 Kilometer weit- bis 63 km vor Athen - gekommen.

Reine Fahrzeit: 6 Stunden, 32 Minuten.

300 Höhenmeter.

Maximale Temperatur 33 Grad.

 

Rion-Antirion-Brücke
Rion-Antirion-Brücke

 

Sonntag, 13. April 2008

 

 

 

Bin um 11 Uhr in Patras an Land gegangen.

War aber nicht ganz einfach, da mein Rad an der Wand hinter einem LKW sturmfest verzurrt war. Das Deck war schon ziemlich leer nur der LKW bewegte sich nicht vom Fleck.

Ich geh auf die gehenüberliegende Seite und entdecke unter dem Führerhaus Sägespäne und ne Lache. Man gibt mir zu verstehen daß man auf nen Abschleppwagen wartet. Ich zeige den Jungs daß mein Rad hinter dem LKW eingeschlossen ist und ernte Gleichgültigkeit.

Also quetsche ich mich zu meinem Rad durch, nehme meine 6 Packtaschen, trage sie vor an die Seite und pass dabei auf daß mich kein rausfahrender LKW übersieht. Dann kann ich das nun etwas schmälere Rad hervormanövrieren.

Am Kai such ich mir nen ruhigen Platz und pack meine ganzen warmen Sachen, hoffentlich bis Tibet, ganz nach unten.

An den ganzen LKWs vorbei tauche ich in den Verkehr von Patras ein, um schnell aus der Stadt zu kommen.

Dann bekomm ich Hunger. Nach meiner Nacht im Schlafsack in einer ruhigen Ecke des Sonnendecks hatte ich nur ein Brownie gefrühstückt. Ich bestell mir irgend eine Art gefüllte Tasche, trink ein eiskaltes Gatorade dazu und kauf noch 3 L Wasser und los gehts.

Und wie! Es wird zweispurig. Die Griechen rasen mit ihren motorisierten Zweirädern an mir vorbei. Helme kannten die nur in der Antike. Als ich das Gefühl habe, daß alle unverhältnismäßig schnell sind, überlege ich und komme zum richtigen Entschluss: ICH BIN AUF DER AUTOBAHN!!!

Aber die hat zum Glück auch Ausfahrten! Die nächste hilft mir, meine Lebenserwartung signifikant zu steigern. Ab da gehts auf der Küstenstrasse an diesem Nachmittag noch gut 60 km weit, dabei bewältige ich unmerkliche 400 Hm.

Ich komme durch Dörfer mit Zitronen- und Orangenhainen, zähle ungefähr ein Dutzend überfahrene Ratten, Opfer der fehlenden Ampeln, komme an einer Ziegenherde vorbei, die unbekümmert vor sich hingrast, obwohl ein paar Meter weiter einer ihrer Kameraden tot im Graben stinkend verwest. Je weiter ich mich von Patras Richtung Athina entferne, umso ruhiger wird es auf der Strasse.

Heut läufts gut. Die Hotelsuche erweist sich etwas schwierig ob der fehlenden Englischkenntnisse des Tankwarts. 

Mein Abendessen: 2 Flaschen Heineken.

Kalli nichta!

 

Samstag, 12.April 2008

 

10:30 Uhr

21 Grad im Schatten. Ich versuch jetzt `ne Fähre zu entern.

 

13:30 Uhr

Abfahrt - zum Frühstück bin ich in Patras.

 


 

 

Hafon von Ancona
Hafon von Ancona

Freitag, 11. April 2008

 

13:46 Uhr

Abfahrt mit dem Zug ab Rovereto über Bologna

 

20:30 Uhr

Ankunft Ancona

Hab mir noch den Hafen und das Zentrum bei Nacht angeschaut (Hafenstädte haben was Magisches...) und bin dann ins erstbeste Hotel vor der Stadt. Landstrasse im Dunkeln mit Stirnlampe.

 


 

Donnerstag, 10. April 2008

 

Vormittag

 

Musste im Hotel erst um 12 Uhr auschecken und weil es mal wieder regnet, reiss ich mich nicht drum, loszufahren. Das Wetter der letzten 10 Tage scheint mein Tribut für meine Alpenüberquerungen der letzten 3 Jahre zu sein. Da hatte es in 33 Tagen nur zweimal geregnet.

 

So, heute versuche ich mich dann Verona zu nähern. Distanz wieder knapp 100 km.

 

Nach 30 km erreiche ich Rovereto und gebe mich dem Regen geschlagen.

Es giesst schon den ganzen Tag in Strömen. Während ich auf dem Etschdamm den Fluss entlang fahre, schlafe ich fast ein. Ich schaue auf die Pulsuhr - knapp über 90. Klarer Fall von Unterforderung. Was tun? Trainieren fuer die nächsten Wochen? Also trete ich 20 mal im Wiegetritt in die Pedale, das beschleunigt den Puls. Dann wieder 100 normale Umdrehungen, dann 21 mal Wiegetritt... das mit dem Einschlafen hat sich erledigt.

In Rovereto sind ein paar Informationstafeln zur Besiedlung des Etschtales zur Römerzeit aufgestellt. Meine Müdigkeit geht davon nicht weg. Vielleicht habe ich zu wenig gegessen? Egal, Essen ist eine der Motivationen während dieser Reise, die eigentlich immer funktionieren. Ich suche einen Supermarkt. Lande bei Lidl und will mein Rad irgendwie davor hinstellen und anschliessen. Einem Typ scheint mein Rad den Zugang zur Sonderangebotsübersicht zu erschweren. Immer wieder schaut er komisch und wir scheinen nicht miteinander klar zu kommen. Zwei weitere Gesellen kommen dazu. Auch sie scheinen Gefallen an meinem Rad zu finden. Entnervt gebe ich auf. Bei Lidl sollte man sowieso aus ethischen Güenden nicht einkaufen. Moderne Sklavenhalterei sollte als Stichwort reichen, verargumentiere ich meine Resignation selbst.

500 m weiter habe ich mehr Glück. Wenig Publikum und bessere Auswahl. 

 

 

Morgen versuche morgen mit dem Zug nach Ancona zu kommen, da es bis Montag so weiter regnen soll. Die Italiener schauen mich jetzt schon dauernd mit einem Mix aus Mitleid und Unverständnis an.

 


 

Mittwoch, 09. April 2008

 

Klausen - Bozen - Mezzocorona - Trento

Km: 102,44

Hm: 282

reine Fahrtzeit: 06:37:02

Temperatur: Min. 8 Grad, Max.

 

Es ist so weit. Ich muss nicht mehr SMSen sondern sitz mal wieder vor einer Tastatur! Und zwar im Hotel www.albergomonaco.it. Ich bin nicht hart genug jetzt auch noch wild zu zelten. Ehrlich gesagt, habe ich aber schon vor Trento im strömenden Regen für den Fall der Fälle Ausschau gehalten. Kreativität ist gefragt. Irgendwie sanieren die Italiener hier ganze Ortskerne und so wäre in dem einen oder anderen ausgebeinten Stadthaus zur Not schon ein trockenes Plätzchen gewesen. Aber anders als vor einer Woche bei München (2 Grad), fing es hier in Norditalien bei 12 Grad zu regnen an. Da hatte ich eigentlich richtig Spass.

Aber fangen wir von vorne an: Zeit fuer eine kleine Zwischenbilanz. Ich weiss noch (also hab ich kein Alzheimer ?), dass der erste Anstieg am ersten Tag an der schwaebischen Alb (ein kleiner kurzer...) so frustrierend war, dass ich dachte, das geht mal gar nicht mit dem Rad (oder dem Gepäck). Gut, ich hatte am Abend vorher noch Pizza und Rotwein zugesprochen bzw. nachts der Kläranlage weitergeleitet, aber das war schon frustrierend. Den Albaufstieg (280 Hm) habe ich auf viermal gemeistert. Wobei das eher gelehrlingt war. Oben angekommen, hilft mir mal wieder meine Intuition . Ich weiss, ich brauch nen Zeltplatz und rings um mich rum nur Naturschutzgebiet. Aber da hängt so ein Holzschild (von hinten) im Wind. Ich verwerfe den Gedanken von vorne drauf zu schauen. Minuten später der Gedanke "wird ein Hinweis zur Grillfete (im Winter ???)  letztes Wochenende gewesen sein" - ergo könnte es interessant zum übernachten sein. Ich gehe die 5 Meter (puh, wie anstrengend) und lese "Albhaus" DAV Sektion Stuttgart (Sa./So. geoeffnet) - JA! Heute ist Montag, also gehoert der Palast mir. Kurz vor der Hütte gabeln sich die Wege. Platt wie ich bin, entscheide ich mich für die Abwärtsvariante. Prima Entscheidung! Als ich am Haus vorbei bin, ist mein Schlafzimmer 2 Meter über mir auf der Terrasse. Also hochschieben. Beim Versuch denke ich das erste Mal an Tibet. Mein Pferd ist so sackschwer dass ich es nicht schaffe. Also Packtaschen weg vom Rad und einzeln hochtragen.

 

Oben hänge ich erst mal die Klamotten (und das sind nicht wenige) zum Trocknen auf. Dann trockne ich mich ab. Ziehe trockene Klamotten an und versuche mit meinem Kocher das erste Mal zu kochen. Es wird ein Drama von ca. 75 Minuten, an dessen Ende ich aufgeweichte Spaghetti, wechselnd mit Pfeffer, Paprika und Curry esse. Tibetblume auf der Alb - ohne Worte.

 

Mein Pferd stell ich in die Ecke, ich lege mich davor. Wer mein Pferd stehlen will, muss an mir (oder meiner Leiche) vorbei. Es wird eine unvergessliche Nacht. Schweinekalt. Ich schàtz mal, - 5 bis -8 Grad. Schon vor dem Einschlafen sehe ich beim ausatmen die kleinen, chararkeristischen Wölkchen aufsteigen. Ich wache immer wieder wegen meiner eiskalten Hufe auf. Beim ersten Mal ist es sternenklar. Hammermässig. Wunderschön. Romantisch. 

Am meisten überrascht mich, dass ich trotz meiner Kälteempfindlichkeit eigentlich gut mit der niedrigen Temperatur zurecht komme. Ich habe Zeit und keine andere Chance. Und ich habe ein Ziel.

 

Die Nacht bringt mir einen Traum, der so real ist, dass ich mich wundere, wo all die Menschen hin sind als ich aufwache.

 

Das Frühstueck nehme ich in einer Bäckerei in Feldstetten ein. Die Leute haben noch Zeit, ich lasse mir zwei Brötchen belegen und esse sie nach dem Zahlen an der Kasse im Stehen. Hauptsache im Warmen. Die Bildzeitung lege ich nach dem Lesen ordentlich zusammen. Als ich die Chefin frage, wohin damit, sagt sie "zurueck zu den anderen" - so ist das bei uns im Ländle: die kammr nommel verkaufa!

 

Hinter Blaubeuren die erste Pause an einem Rastplatz. LKWs und PKWs fahren vorbei - ich lege die Beine auf den Rasttisch, sehe die erstaunten Blicke der Vorbeifahrenden und denke das erste Mal - das ist Freiheit - die Anderen müssen arbeiten.

 

Ruckzuck erreiche ich Ulm, fahre am Donauufer entlang, das in Stadtnähe toll gemacht ist. Als ich das Messegelände erreiche, sehe ich die Wagenburg der Trabers: http://www.hochseilartistik-traber.de/. Ich habe im Fernsehen die tragische Geschichte des Juniors verfolgt und überlege mir kurz, mich vorzustellen. Aussergewöhnliche Dinge verbinden, denke ich kurz. Oder könnten es. Mein Gefühl lässt mich weiterfahren.

 

Ausserhalb Ulms (hier ist zu wenig Publikum) ist der Donauradweg eine Holperpiste. Ich ärgere mich und denke "und was machst Du dann in Tibet, da sind das ja rote Teppiche...". In der Ferne sehe ich auf dem Donaudamm zwei Männer sitzen. Sie schauen interessiert. Ich komme näher. Da sagt der Erste zu mir im vorbeifahren: "des sieht aber auch nach ner groesseren Tour aus?" - "China", lautet meine Anwort, darauf er: "s'isch au der naegschde Weg..." - ich liebe meine Landsleute!

 

Mein Damm ist wund und ich steh bei jeder kleinen Abfahrt oder pedaliere auf der Ebene im Wiegeschritt.

 

Leipheim. Kurz darauf Günzburg. Schneller als ich gehofft hatte. Ich fahr in die Stadt rein und habe Bärenhunger. In einer Konditorei kaufe ich mir eine Nusstasche und einen Florentiner. Der Konditor nimmt mich gar nicht wahr. Servicewüste Deutschland. Links davor war ne Parkbank an einer Kreuzung. Mein Wohnzimmer. Ich kaue genüsslich und gratuliere meinem Kumpel Peter zum Geburtstag. Die Sonne kommt raus. Wärme. Schon nach wenigen Stunden wird üer mich klar: Wärme und Trockenheit sind elementar wichtig. Kälte und Nässe bringen Dich früher oder später um. Deswegen haben wir irgendwann angefangen, uns Behausungen zu bauen.

 

Danach fahre ich aus Günzburg raus. Plötzlich, eine LKW-Hupe! Als ich mich umschaue, sehe ich gerade noch den Schriftzug "Globetrotter" auf dem Lastzug. Das ist der Ritterschlag. Ich bin im Klub!

 

Ich verfahre mich. Merke es und sehe links Wald. Okay, dahinter liegt Burgau (laut meinem angeborenen Navi...;-)). Rechts. das Naturfreundehaus. Ich fahr Richtung Wald und merke, dass mir die Körner ausgehen. Also doch Camping bei den Naturfreunden. Die Wirtin will es nicht so recht glauben. "Sie wollen wirklich ihr Zelt aufbauen?". JA.

 

Die heisse Dusche ist goettlich. Als ich auf's Essen warte, lese ich,  dass das Naturfreundehaus ne neue Wirtin hat, die für ihre tolle Küche bekannt ist. Die Kässpäzle bestätigen das. Als ich der Bedienung, auf ihre Frage hin, mein enddgültiges Ziel eröffne, setzt sie sich zu mir und bekommt jenen herrlichen Glanz in ihre Augen, der mir ab da, noch oft begegnen wird.

 

Am nächsten Morgen wünschen mir alle viel Glück und Erfolg auf meinem Weg. Es hat sich herumgesprochen.

 

Hoch zum Wald. Rechts zum Dorf. Da vorne ist die Strasse. Fahren wie es Sinn macht. Die Sonne kommt raus. Die Piste vor mir glänzt wie ein silbernes Band. Der erste Anstieg. Magische Momente voller Kraft.

 

In Nössingen komme ich in einen Hagelschauer. Auf Höhe einer Bäckerei. Nur das Pferd bockt. Will sich an der abschüssigen Strecke nicht anleinen lassen. Endlich schaffe ich es. Rein in die warme Stube. Apfelsaftschorle und einen grossen Kaffe bitte. Ich schaue mich um. In der Ecke steht schon Einer. Bandscheibenvorfall - vor 5 Jahren. Aber er ist glücklich dass er lebt. War früher selber viel unterwegs mit dem Radl. Zwei Wochen in der Tschechei. Nur mit Badehose bekleidet, sind sie gefahren, weil sich Sonne und Regen abgewechselt haben.

 

Ich beschwere mich, dass in deutschen Radiosendern 365 Tage nur schlechtes Wetter ist. Da vertraut er mir ein Geheimnis an: "die Sonne ist immer da, die Menschen wissen es nur nicht" - Ich grinse ob der Tiefe des Spruchs und als ich die Bäckerei verlasse, scheint...? Meine Zeche übernehmen der Gast und die Verkäuferin...Widerspruch zwecklos.

 

Weiter Richtung Burgau. Danach Zusmarshausen. Orte an denen ich in 18 Jahren Aussendienst immer wieder auf der A8 vorbeigefahren bin. Nun fahr ich über die A8 drüber. In Zusmarshausen biegt die Vorfahrtsstrasse, auf der ich mich befinde, im Ortskern links ab. Von oben kommt ein Sattelzug auf mich zu. Ich habe Vorfahrt. Schafft der es, zum Stehen zu kommen? Zuerst zweifle ich. Dann glaube ich. Kurze Erleichterung: er schaffts. Als ich der Vorfahrtsstrasse links abbiegend folge, nimmt mir von links ein PKW die Vorfahrt. Der Feind kommt nicht immer aus der Richtung, aus der man ihn erwartet...

 

Die Sonne kommt raus. Tolle Radwege. Ich fahre abwechselnd im Sitzen und im Stehen. So funkioniert es. Augsburg. Vor einem Supermarkt ein Thai-Imbiss. Ich liebe Thai. Krabbenchips als Vorspeise und Hähnchen-Curry als Hauptgang. Immer wieder schaue ich nach dem Wetter. Da kommt was. Gross, breit, grau. Als ich mit essen fertig bin, kommt Wind auf. Heftiger Wind. Ich suche Zuflucht in so einer Röhre, in der die Einkaufswagen untergestellt sind.

 

Nach Regen kommt Sonne. Ist nur eine Frage der Zeit. Man besinnt sich darauf, auf so einer Reise. Rein nach Augsburg, raus nach Königsbrunn. Plötzlich bekomme ich die zweite Luft. Mache Geschwindigkeit auf der Strecke. Wiegetritt, sitzen, Wiegetritt, sitzen... So schaffe ich über 100 km an diesem Tag bis Germering, kurz vor München.

 

 

Dienstag, 08. April 2008

 

13:10 Uhr - Brenner

 

17:35

Bei mir ist Ende Gelände, noch 25 km nach Bozen, ich mußte sogar den Brenner runter (!) pedalieren. Hatte rauf und runter Gegenwind, und auf der SS12 fahren alle mit Licht!

Zeit fürs Gasthaus.

711 Hm, 84,79 km, 5:52:13 reine Fahrtzeit. Start: 9 Uhr, Ende 17:35. Durchschnittstemp 3 Grad, tief -1, hoch 10 Grad,

Zielort: Klausen.

 


 

Montag, 07. April 2008

 

9 Uhr 40

Abfahrt in Kramsach wo ich mich über das Wochenende erholt habe.

 

13 Uhr

0 Grad und Schnee von vorn; ich hab nix mehr g´sehn. Da war ein Saloon an der B 171 in Weer, kurz vor Innsbruck.
Da sitz ich nun und warte, dass es zu schneien aufhört

18:30

Endlich ein Gasthof. Bin total fertig. Seit ner halben Stunde spür ich meine Finger nicht mehr. Ich muß die Dinger schnell auftauen.

Das waren heute knapp 6 Std. Fahrtzeit und 70 km bei ca. 3 Grad.

Strecke: Kramsach - Schwaz - Weer - dann hoch nach Telfes und Rinn, danach Patsch und jetzt bin ich in St. Peter im Peterhof. Cooles Teil: Biker willkommen, ein Kinderzimmer für 25 Euro, morgen ist Ruhetag, ergo schließ ich ab;

ich sitze in der Sauna und schaue beim Abkühlen auf die Brennerautobahn und die schneebedeckten Gipfel des Stubaitals.

Über mir hat ne Rockband Übungsabend und spielt "rollin on the river".

An der Bar sitzen 2 Jungs, die der Wirtin empfohlen haben sich ein Autogramm von mir zu holen und die gesagt haben, drüben, in Italien, sei es warm.

Von Mensch zu Mensch, wie schon seit hunderten von Jahren in den Bergen.

Es dämmert...

 

 

Freitag, 09. Mai 2008

 

Es war sonnig, aber kalt. Bin mit Handschuhen und Langarmfleece gefahren.

 

Nach 90 km und einem herrlichen und wunderbar zu fahrenden Tag habe ich den genialsten Zeltplatz in einem abgelegenen Felsennest bezogen.


Donnerstag, 03. April 2008

 

14 Uhr

 

Hab nach 4 Std. und knapp 40 km bei Dauerregen und 2 Grad bei Sauerlach für heute kapituliert.

Möchte heute und morgen noch ein paar liebe Menschen verabschieden und der Zeitplan wäre in Gefahr geraten.

Es kommen noch früh genug Momente ohne Alternative.

Fahr jetzt die letzten 50 km mit der Bahn nach Aschau.

 

Abfahrt Germering: 08:40 Uhr, 6 Grad, grauer Himmel, nasskalt.

 

Mittwoch, 02. April 2008

 

Abfahrt 09:18 Uhr.

Burgau: Hagelschauer. Flucht in Bäckerei.

Als die dort auf Nachfrage mein Ziel erfahren haben, haben ne Bedienung und ein Gast meine Zeche bezahlt.

Zusmarshausen - Augsburg - Thai-Imbiss - An: 13 Uhr.

 

19:35

Germering an bei 5 Grad und eisigem Wind um ca. 19 Uhr.

Gefahrene Kilometer, dank Jürgens Motivations-SMS heute morgen: 106,84!!!

 

 

 

 Dienstag, 01. April 2008

 

Abfahrt 08:39 Uhr, zur nächsten Bäckerei. War ne klare, kalte Nacht mit noch kälteren Füssen; mit einem verrückten Traum, der am Albhaus gespielt hat und so reell war, dass ich mich gewundert habe nach dem Aufwachen wieder allein zu sein. An die Kälte scheine ich mich wider Erwarten schnell zu gewöhnen. Heut Vormittag läufts prima – es wird immer wärmer und ich habe den Auftritt der Sonne bejubelt J

 

12:15 Uhr 

Ulm - der Tacho geht wieder, nachdem ich die leere Batterie ersetzt habe.

 

16 Uhr

Von Ulm, an der Donau entlang, Günzburg erreicht.

Mein Schritt brennt wie Napalm, sitzen ist Luxus, pedalieren ne Qual.
Auf dem Weg nach Burgau such ich mir in der nächsten Stunde nen Schlafplatz.

 

18:27

Bin durch einen Verfahrer im Naturfreundehaus Günzburg gelandet: Zelten 4,- Euro, Duschen 5,50:-), Kässpätzla mit frischem grünen Salat 7,80. Und ich gönn mir 2,3 Weißbier, Prost!

 


 


 


 

 

 

 

 

 

as Stuttgarter Albhaus steht auf der Schwäbischen Alb in der Nähe von Schopfloch
as Stuttgarter Albhaus steht auf der Schwäbischen Alb in der Nähe von Schopfloch

Montag, 31. März 2008

 

Bin um 11:39 Uhr losgefahren.

Der erst Tag beginnt mit nem Tacho, der anzeigt ich würde konstant 299 km/h fahren.

Der rechte Lenkergriff lässt sich drehen und als ich ihn befestigen will fällt der dafür vorgesehene Ring in einen vergitterten Kellerschacht.

Mr. Bean auf Reisen.

Gegen halb 3 erwischt mich der Hungerast. In Owen rettet mich die Dorfbäckerei; mit nem Vollkornbrötchen, 2 gekochten Eiern und ner Nusstasche schaffe ich die 300 Hm der Gutenberger Steige mit 4 Trinkpausen. Oben will ich nur noch runter vom Sattel, mein Damm schmerzt.

Ich suche nen Zeltplatz und schau so beiläufig auf son schiefes Schild "Albhaus DAV Stuttgart"! Ich bin Mitglied!

Die Hütte ist geschlossen, hat aber ein Vordach und darunter werde ich schlafen. Als ich koche, dauern die Spaghetti glaub ich ne Stunde. Mit dem Nudelwasser mach ich danach Tee.

Es wird kalt auf der Schlatterhöhe...

 

 

 

 Sonntag, 30. März 2008

 

15:15 Uhr - in 45 Minuten werde ich meinen Mac ausschalten, um 16:15 Uhr kommt ein Freund, bei dem ich ihn dann einlagern werde, zusammen mit dem Klappstuhl und dem Campingtisch, den letzten Möbeln, die ich die letzten Wochen noch in meiner Wohnung hatte.

 

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